Andrea Wulf über Alexander von Humboldt

Vor 250 Jahren wurde der rastlose Naturforscher Alexander von Humboldt in Berlin geboren – er ist bis heute ein Vorbild

Wie Leonardo da Vinci oder Aristoteles gilt er als Universalgenie: Alexander von Humboldt war ein Naturwissenschaftler, dessen aufwendige Forschungsreisen ihn in die USA, nach Russland und Lateinamerika führten und der mit Grundlagenwerken wie „Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ den Versuch unternahm, die „Natur als durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes“ darzustellen. Dabei legte er auch literarisch eine solche Meisterschaft an den Tag, dass seine Schriften schon zu Lebzeiten über Europa hinaus bekannt wurden und auch heute noch weltweit gelesen werden. Anlässlich seines 250. Geburtstages an diesem Samstag haben wir mit der Kulturhistorikerin Andrea Wulf gesprochen, die zwei Bücher über den Naturforscher verfasst hat und für ihre Biografie „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ mit zahlreichen Preisen geehrt wurde.

AZ: Frau Wulf, wie könnte man das Wesen Alexander von Humboldts am besten charakterisieren? Mit Maßlosigkeit vielleicht?
ANDREA WULF: Hätte man nur zwei Begriffe, um ihn zu beschreiben, dann wären das seine Rastlosigkeit und seine Neugierde. Er hat ja selber gesagt, er fühle sich von „zehntausend Säuen angetrieben“. Er war schon ein Besessener, sonst hätte er das alles auch gar nicht aushalten können. Er ist viertausend Kilometer durch die Anden marschiert, das ist kaum vorstellbar, wenn man den Stand der Ausrüstung damals berücksichtigt. Das beginnt schon mit den Schuhen. Er beklagt das auch in seinem Tagebuch. Wir haben für „Terra X“ eine Humboldt-Doku gemacht und einen Schauspieler mit den nachgemachten Lederschuhen von damals über den Gletscher laufen lassen. Das war eine einzige Rutscherei. Humboldt ist aber so bis fast auf den Gipfel des über 6000 Meter hohen Chimborazo gestiegen.

In seine immense literarische Produktion hat er sein ganzes Vermögen gesteckt. Ist das alles heute noch genießbar?
Man muss unterscheiden: Humboldt hat über 50 Bücher geschrieben. Manche davon hat er ganz bewusst für das allgemeine Publikum sehr lebendig geschrieben – und die sind immer noch gut lesbar. „Ansichten der Natur“ zum Beispiel, das er selber als sein Lieblingsbuch bezeichnet hat, führt den Leser die Anden hinauf und über Wasserfälle den Orinoco runter. Er beschreibt die Natur poetisch wie ein Dichter, kombiniert mit wissenschaftlichen Beobachtungen. Viele davon stehen in Fußnoten am Ende des Kapitels. Die kann man also weglassen, wenn man nicht ganz so wissenschaftlich interessiert ist. Die ersten Bände des „Kosmos“ kann man noch sehr gut lesen, dann wird es allerdings immer spezieller und detaillierter. Band fünf war auch eher für die Fachwelt bestimmt. Humboldt hat in vielen Genres geschrieben und auch sehr viele Zeitungsartikel veröffentlicht.

Damals gab es auch schon den Wettkampf um die Aufmerksamkeit – es reicht nicht, Spektakuläres zu leisten, man muss es auch vermitteln können.
Humboldt war ein großartiger Werbeprofi für sich selber. Er ist auf seiner fünfjährigen Südamerikareise ja nicht nur in der Bergwelt und im Dschungel gewesen, er hat auch Städte besucht und von dort sehr detaillierte Schilderungen seiner Abenteuer nach Hause geschickt, stets mit dem Hinweis, die Briefe könnten gerne an die Presse weitergegeben werden. Als er 1804 aus Südamerika zurückkam, wussten viele von seinen Abenteuern, er kam als Held zurück. Humboldt, und das ist ein großer Verdienst, hat die Wissenschaften demokratisiert. Er hat daran geglaubt, dass alle ein Recht auf Bildung haben. Das ist auch ein Grund, warum er viele Bücher nicht für den wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern für die Allgemeinheit verfasst hat. Und er ist meiner Meinung nach der Vater von dem, was wir heute Infografik nennen. Humboldt hat ganz stark das Visuelle und Grafische benutzt, um wissenschaftliche Zusammenhänge darzustellen, beispielsweise die Isotherme, die wir heute noch auf unseren Wetterkarten sehen. Er hat sie benutzt, um globale Klimazonen zu zeigen. Da war er Pionier. Und das ist natürlich viel anschaulicher als lange Listen von Zahlen.

Kann man sich Humboldt vorstellen, wie er bei einem Glas Rotwein einen Sonnenuntergang genießt, oder hätte er den Sonnenstand wissenschaftlich gemessen?
Er konnte die Natur auch genießen, das bekannteste Beispiel dafür ist die Pazifikgeschichte. Schon als kleiner Junge hat er die Bücher von James Cook gelesen und von diesen Abenteuerreisen geträumt. Er wollte unbedingt einmal den Pazifik sehen. Während er dann über die Anden kletterte, hat er immer auf den Augenblick hingefiebert, den Pazifik sehen zu können. Irgendwann, kurz vor Lima, war es dann endlich so weit. Er war völlig überwältigt. Erst später ist ihm dann eingefallen, dass er vergessen hatte, mit dem Barometer die Höhe der Berge zu bestimmen.

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