Ausstellung im Lenbachhaus: Tastend in eine gerechtere Welt

Valie Exports “Tapp- und Tastkino” ist auch heute noch ein krasser Selbstversuch: 1968 lief die �sterreichische K�nstlerin mit einem Kasten vor dem Oberk�rper unter anderem am Stachus durch die Innenstadt und lud Passanten dazu ein, ihre nackte Brust anzufassen. Mutiger, deutlicher und zugleich humorvoller kann man mit der Tradition des m�nnlichen Blicks auf weibliche K�rper im Bermudadreieck von Voyeurismus/Pornografie/Kunst nicht brechen.

 

Weil das Thema sich keineswegs erledigt hat, holt das Lenbachhaus jetzt das Video der Aktion f�r seine aktuelle Sammlungspr�sentation “Die Sonne um Mitternacht schauen” wieder aus dem Depot, eingebettet in die Werke von 18 weiteren Gegenwartsk�nstlerinnen – und drei K�nstlern. Der Titel geht zur�ck auf Katharina Sieverdings gleichnamigen Foto-Zyklus aus den 1970er Jahren. Er verweist aber zugleich, wie Kuratorin Eva Huttenlauch erkl�rt, ausstellungs�bergreifend auf Themen, die wie die Sonne “immer da sind, aber nicht immer gesehen werden”.

In diesem Sinne deckt das Spektrum der Schau vieles ab, was derzeit debattenrelevant ist in Bezug auf �berkommene Machtstrukturen, die sich immer noch in sexueller und rassistischer Diskriminierung manifestieren, sowie soziale, ethnische und geschlechtsspezifische Identit�tsfragen.

Das Titel-Paradox passt auch erstaunlich gut zu Monica Bonvicinis Licht-Installation “Blind Protection” (2009). Mit dem B�ndel von 23 Leuchtstoffr�hren, das von der Decke h�ngt, wird der Ausstellungsraum so grell erleuchtet, dass man die Augen schlie�en m�chte. Ihre Arbeit spielt auf die Macht des Kunstbetriebs an, im hell erleuchteten White Cube dem Blick des Publikums mindestens so viel vorzuenthalten wie zu zeigen. Im Schatten der Mitternachtssonne ist es umso dunkler.

 

Die Konfrontation von Kontrasten ist es, die sich als Prinzip durch alle R�ume zieht. Auch in der erhellenden Gegen�berstellung von Fotografien der bundesrepublikanischen Wirklichkeit von Barbara Klemm mit den ebenso sprechenden Aufnahmen aus der DDR von Helga Paris.

Doch un�berwindbare Gegens�tze offenbaren sich auch in Einzelwerken; dass dabei oft weibliche K�rper im Fokus stehen, ist Programm. Wie in Isa Genzkens fr�hem, tonlos-ironischem Film “Frauen im Gefecht” von 1974: Da stehen zwei junge Frauen, die eine gro� und d�nn, die andere eher klein und rundlich, nebeneinander und tauschen permanent ihre Klamotten.

Auch Friederike Pezold arbeitete sich Mitte der 1970er Jahre am eigenen Leib ab, �berpr�fte ihn in ihrer Videoskulptur auf seine Zeichenhaftigkeit. Maria Lassnigs Gem�lde machen ebenfalls jahrzehntelange, so schonungslose wie bewusste weibliche K�perbeobachtungen sichtbar. Und w�hrend der Schock-Effekt von Cindy Shermans Selbst-Inszenierungen leicht abgenutzt ist, verst�rt die indische K�nstlerin Tejal Shah umso mehr: Sie f�hrte 2012 die Darstellung der Suche nach sexueller Identit�t in ihrem Video “Between the Waves” radikal fort.

Nicht weniger wirkungsvoll, wenn auch auf akustischer Ebene, ist Candice Breitz’ Zehn-Kanal-Installation “Alien – Ten Songs From Beyond” von 2002. F�r ihre Arbeit lie� die s�dafrikanische K�nstlerin eine Reihe von Menschen ohne deutschen Pass “typisch deutsches” Liedgut singen – von “Die Gedanken sind frei” �ber die Nationalhymne zu “Jenseits von Eden” und gar “Keine Macht f�r niemand”. F�r weitere Verfremdung sorgt dabei, dass Ton- und Bildspur nicht zusammengeh�ren, sondern die Lippenbewegungen der Singenden von unsichtbaren anderen Stimmen unterlegt sind. Das Ergebnis ist eine Kakophonie, deren schr�ger, nur in Fetzen vertraut klingender Sound das Gef�hl der Entfremdung schmerzlich zum Ausdruck bringt.

Lenbachhaus, bis 1. August 2021 Di bis So 10 bis 18 Uhr

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