Der Hulk vom Rheinparkplatz

Manche Menschen gestalten ihre Freizeit wie ein Tetris-Spiel. Wer sich ihnen in den Weg stellt (oder legt), muss mit Handgreiflichkeiten rechnen. 

Von Micky Beisenherz

Die Momente, in denen man sich selbst besser kennenlernt, kommen meistens nicht mit einem Jochen-Schweizer-Geschenkgutschein. In meinem Falle sind es sogar eher die kleinen Dinge, die mich unverhältnismäßig aus der Fassung geraten lassen.

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer 

(Ein-)gemischtwarenladen. Autor (heute Show, Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen

Nun ist es ja so, dass ich mir im Laufe der Jahre eine ordentliche Portion “Inshallah” antrainiert habe, was unvorhergesehene Veränderungen der Lebensumstände angeht. Das gilt aber nur für das Leben als Langfristprojekt. Kurzfristige Planänderungen ziehen mir schnell die komplette Farbe aus dem Alltag.

Tetris-Spiel im Alltag 

Ich neige dazu, mir meinen Tag wie Blöcke im Tetris-Spiel ineinanderzubauen. Aufstehen um 7.45 Uhr. Duschen bis acht. 8.08 Uhr aus dem Haus. Kaffee bis neun. Schreiben bis elf. Sport bis 12.15 Uhr. Termin woanders um 13 Uhr. Zurück bis 15 Uhr. Und so weiter.

Ein Leben als ewiger Anschlusszug. Und wehe, es kommt zu Verzögerungen oder Veränderungen im Ablauf! Allein das Haus später verlassen zu müssen ist kaum zu ertragen. Komme ich durch einen Anruf zu spät zum Sport, werde ich mürrisch. Denn passen die einzelnen Tagesstücke nicht mehr bündig ineinander, stört das auch mein ästhetisches Empfinden. Und darauf reagiere ich, nun ja, gereizt.

Vergangenen Samstag fuhr ich von Köln mit dem Auto nach Düsseldorf, um dort am Rhein auf einer Bank zu frühstücken. Abfahrt 9.25 Uhr, Ankunft zehn. Frühstück bis 11.15 Uhr. Termin in Bochum um zwölf. Wunderbar!

Eine zu spät erkannte Autobahnbaustelle ließ mich jedoch eine Abfahrt verpassen. Das Tunnelsystem Düsseldorfs, über das Attila Hildmann auch gern mal ein Wort verlieren darf, tat sein Übriges. Ankunft: 10.07 Uhr. Da hilft dir dann auch die Sonne nix mehr.

Nur langsam konnte ich mich auf der Bank wieder beruhigen. Immerhin fehlten mir so satte sieben Minuten entspannten Sitzens. Beim Verlassen des bezahlpflichtigen Parkplatzes der Super-GAU: Nicht nur, dass ich mit Ach und Krach die Münzen für das Auslassticket am kartenuntüchtigen “Hallo, Zukunft!”-Automaten zusammenkratzen musste, nein: Am Schlagbaum zog der Kasten mein Ticket nicht ein. Mehr­fache Versuche – es war bereits 11.18 Uhr –brachten nichts. Die Schranke blieb unten.

Smartwatch statt Bargeld

Bezahlen aus dem Handgelenk

Mit der Kraft der eigenen Arme 

Notruftaste drücken. Nix.

Notruftaste am Parkscheinautomaten. Nix.

Ich habe häufiger den Notruf betätigt als ein Prostatapatient die Toilettenspülung während der Wasserfall-Doku auf Bayern 3. Das ging Minuten so. Sie müssen sich das Bild eines öffentlichen Parkplatzes bei herrlichem Wetter vorstellen, über den orientierungslos und hilfesuchend der zeternde Coverboy eines drittklassigen Best-Ager-Magazins im zu engen Poloshirt stampft, auf der Suche nach einem legalen Weg, sein Aufschneidergefährt irgendwie durch die defekte Bezahlsperre zu kriegen.

Um 11.29 Uhr beobachteten Zeugen schließlich, wie ein offensichtlich Geisteskranker zum Chinohosen-Hulk mutierte und die Schranke manuell hochhob. Also wirklich: mit den Händen. Gott, hat das gutgetan!

Ich bin dann auch erst um 12.13 Uhr in Bochum gewesen.

Und bevor Sie fragen: Ja, ich zwänge mich an Raststätten manchmal heimlich durch diesen kinderkörpergroßen Delphinausschnitt neben dem Drehkreuz. Als es damit losging, Menschen für die Verrichtung ihrer Notdurft Geld abzunehmen, war es eh mit allem vorbei … Aber das ist ein anderes Thema.

P.S.: Diese Kolumne habe ich übrigens verspätet abgegeben.

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