„Die Mathe-Matura ist nicht leichter geworden“

Wenige Pädagogen in Vorarlberg haben sich so intensiv mit der Entwicklung der Zentralmatura auseinandergesetzt wie Freddy Wittwer.

Der Gaschurner Mathematiklehrer arbeitet seit Kurzem auf Bundesebene an der Weiterentwicklung der Mathematik-Reifeprüfung. Er ist zufrieden mit den diesjährigen Ergebnissen und spricht über zwei Jahre, die weit über die Matura hinaus ungewöhnlich waren.

Ist die Mathe-Matura jetzt genauso, wie sie sein soll?

Wittwer Als Übergangslösung, ja. Von der Verständlichkeit der Aufgabenstellungen her war das heuer wirklich gut. Nach dem Durchlesen wussten die Kandidaten innerhalb weniger Sekunden, was zu tun ist. Das ist auch gut so. Schließlich geht es um Mathematik, nicht um Deutsch. In den Jahren zuvor gab es oft große Probleme beim Verständnis von komplexen Texten. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass es auch immer mehr Schüler mit Migrationshintergrund gibt. In den letzten Jahren mussten wir feststellen, dass Schüler oft nicht am mathematischen Verständnis scheiterten, sondern an der vollumfänglichen Erfassung eines Textes.

Waren Sie überrascht von den guten Ergebnissen?

Wittwer Dass es besser wird, war absehbar. Nur dass es so gut ausgeht, hat mich schon überrascht.

Gab es etwas, das Ihnen besonders positiv auffiel?

Wittwer Ja. Und zwar, dass viele Kandidaten in Teil zwei genauso erfolgreich waren wie in Teil eins.

Wie gut oder weniger gut finden sie die Mitberücksichtigungder Jahresnote fürs Maturazeugnis?

Wittwer Ich wäre dafür, dass die Schüler wählen können, ob sie nur die Maturaleistung im Abschlusszeugnis drinnen haben, oder eine Note als Mischung von Jahresbewertung und Maturanote.

Wie unvollständig ist eine Reifeprüfung ohne mündlichePrüfung?

Wittwer Natürlich fehlt eine mündliche Prüfung. Ich finde, ein Schüler sollte zum Abschluss an einer Schule unbedingt die Möglichkeit haben, sich darzustellen und zu präsentieren. Das ist etwas, was im späteren Leben auch gefragt ist. Das bezieht sich jetzt aber nicht nur auf die Matura, sondern auf jede Art eines Schulabschlusses.

Am Beginn der Zentralmatura standen sehr schlechteMathematik-Ergebnisse. Inwiefern sind die jetzigen Noten auch ein Resultat derzahlreich gesetzten Maßnahmen?

Wittwer Natürlich hat sich sehr viel getan seit diesen ersten Jahren der Zentralmatura. Neben der Reform des Benotungssystems und der Vereinfachung der Texte gibt es jetzt zum Beispiel auch Videos für die Schüler. Darin werden Aufgaben in Bild und Ton durchgemacht und erklärt. Zudem wurde ein sehr effektives Netzwerk unter der Lehrerschaft aufgebaut. Das ermöglicht einen schnellen Informationsaustausch. Ich möchte auch betonen, dass sich alle Kollegen den neuen Herausforderungen gestellt und sich weitergebildet haben.

Es gibt Stimmen, die behaupten, die Mathe-Matura sei nunviel zu leicht.

Wittwer Das stimmt einfach nicht. Es gab vor den Kompensationsprüfungen noch elf Prozent Nicht genügend. Das ist so viel wie in Deutsch und Englisch zusammen. Die mathematischen Kompetenzen waren heuer im selben Ausmaß gefordert wie in den Jahren zuvor. Nur waren eben die Aufgabenstellungen verständlicher und einfacher formuliert.

Sie arbeiten in einem vom Ministerium bestimmten Team an derWeiterentwicklung der Mathematikmatura. In welche Richtung wird es künftiggehen?

Wittwer Das Team, in dem ich arbeite, steht unter Führung der Universität Wien. Wir arbeiten an einem neuen Lehrplan, einem neuen Leistungsbeurteilungssystem und einer neuen Form der Matura. Wir orientieren uns auch an Erwartungen der Wirtschaft. Es wird

künftig einen Maturaprüfungsteil ohne Verwendung vonTaschenrechnern geben. Es wird mehr praktisches Denken mit angewandterMathematik gefragt sein. So viel vorweg.

Warum soll Mathematik fester Bestandteil einer Maturableiben?

Wittwer Mathematik ist ein Training für Genauigkeit, schärft die Kompetenz zur Situationsanalyse, lässt sich in praktischen Dingen anwenden, erleichtert den Umgang mit Technologie. All das lässt sich gut belegen. Man kann aber künftig auch Dinge weglassen, die keinen praktischen Nutzen haben.

Frage an den Pädagogen: Wie haben Sie die letzten beidenJahre mit wenig Präsenzunterricht erlebt?

Wittwer Ich habe diese Zeit als sehr intensiv und herausfordernd erlebt. Du musstest bewährte Konzepte überarbeiten, neue Wege gehen. Die Schule als Ort der Begegnung hat einen neuen Stellenwert erfahren. Ich wurde in dieser Zeit mit vielen privaten Sorgen von Schülern konfrontiert. Das habe ich so nie gekannt. Ich selber habe in dieser Zeit sehr viel gelernt.

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