Ein besonderer Spaziergang: Im Wald liegt die Wahrheit

M�nchen – Ich hoffe, Sie m�gen es”, pflegt Bob Ross gerne zu sagen. Und dann f�ngt er an, die Natur zu malen. Einfach so, ohne besonderen Plan.

“Fr�hliche B�ume” landen auf der Leinwand, es geht um den Spa� am Malen: “The Joy of Painting”. Und wenn etwas “happy” verungl�ckt, wuscht der Mann mit der sanften Stimme nochmal dr�ber – und alle starren gebannt auf den Fernseher.

Mit Kunst hat das nichts zu tun, Bob Ross ist Kult und selbst 25 Jahre nach seinem Tod der bekannteste “Waldmaler” der j�ngeren Vergangenheit.

Und sonst? Unz�hlige K�nstler haben sich seit der sp�ten Antike des Waldes angenommen. Doch man muss schon suchen, um Bilder zu finden, auf denen der Wald tats�chlich eine Hauptrolle spielt oder wenigstens zu den wichtigen Protagonisten z�hlt.

Oft genug ist er nicht mehr als eine sch�ne Folie f�r mehr oder weniger fromme Szenen: vom M�nch in der Waldklause bis zur verbotenen Liebe. Oder er darf als B�hne f�r ein z�nftiges Jagdst�ck herhalten, auf dem sich gerade die M�chtigen auch noch als Herrscher �ber die Natur pr�sentieren.

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�berhaupt ist im Christentum viel von B�umen die Rede

Aber welcher K�nstler ging vor ein paar Hundert Jahren schon freiwillig in den Wald? Also, bevor der Forst zu einem Teil der Kulturlandschaft wurde? Das Terrain war undurchdringlich, vom entspannenden Waldbaden, wie es neuerdings Mode ist, keine Spur. Vielmehr wurden hier Drachen erlegt und Albtr�ume durchlebt.

Mit dem Wald verbanden sich Ur�ngste, m�glicherweise galt er deshalb lange Zeit kaum als darstellungsw�rdig – ganz im Gegensatz zum Baum. Der wird bereits im Garten Eden gebraucht, um die b�se Frucht der Erkenntnis zu liefern, die bekanntlich zum Rausschmiss von Adam und Eva f�hrt.

Prachtvoll und mit stilisierten Bl�ttern ziert er gleich die Auftaktseite der Wiener Genesis, einer illuminierten Handschrift aus dem 6. Jahrhundert. �berhaupt ist im Christentum viel von B�umen die Rede. Aus der Wurzel Jesse etwa sprie�t der Lebensbaum, in dessen Ver�stelungen die Vorfahren Christi sitzen.

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Bl�ttchen f�r Bl�ttchen ist es wert, ausgeformt zu werden

Mehr noch haben B�ume in der Architektur ihren Platz: Um Kapitelle ranken sich Bl�ten und Bl�tter. In der sp�ten Gotik �berwuchern ganze Astformationen die Gew�lbe, um 1500 zum Beispiel in der Liebfrauenkirche in Ingolstadt. Und im gut 50 Jahre fr�her errichteten Hallenchor der Salzburger Franziskanerkirche meint man fast, im Wald zu stehen – so schlank schie�en die Pfeiler hinauf zur Sternrippenkrone.

In der Malerei dauert es, bis den B�umen echte Beachtung zuteilwird. Im fr�hen 16. Jahrhundert entwickeln vor allem die Vertreter der Donauschule ein v�llig neues Verh�ltnis zur Natur.

Bl�ttchen f�r Bl�ttchen ist es wert, ausgeformt zu werden, das l�sst sich an den Gem�lden von Wolf Huber in Passau verfolgen, beim Augsburger J�rg Breu und vor allem beim Regensburger Albrecht Altdorfer. Er nimmt mit seinen vom Wetter zerzausten Baumriesen vor Bergpanoramen und r�tliche gl�hendem Himmel fast schon die Seelenlandschaften der Romantik vorweg.

Im Mittelalter gibt es im Grunde keine Walddarstellungen

Die Kunst steckt in der Natur, lautet das Credo ihres Zeitgenossen Albrecht D�rer. Das kann man gerade auf seinen Aquarellen nachvollziehen. Sie bilden eine Z�sur, denn aus dem fr�hen und hohen Mittelalter gibt es im Grunde keine Walddarstellungen. Au�er in der Buchmalerei, die oft genug Vorreiter ist und zum Vorbild f�r Sp�teres wird.

Eine Sensation sind in diesem Zusammenhang die Monatsdarstellungen im ber�hmtesten Stundenbuch des 14. Jahrhunderts. In den “Tr�s Riches Heures” des Herzogs von Berry f�hren die Br�der von Limburg bis etwa 1416 ihre ganz erstaunlichen Beobachtungen der Natur vor Augen: Im Februar holt sich ein Mann Brennholz aus einem Winterwald im Schnee, im November treibt ein Bauer seine Schweine unter Eichen, und im Dezember wird im dichten Wald zur Jagd geblasen.

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Im Wald, da sind die R�uber, schlimmer noch: die M�rder

In den 1430er-Jahren zeigt Jan van Eyck dann immerhin auf dem Genter Altar hinter der Anbetung des Lammes ein ziemlich realistisches W�ldchen, einzelne B�ume und Hecken. Aber eben als Hintergrund f�r das Heilsgeschehen.

Nicht einmal 100 Jahre sp�ter, am Vorabend der Reformation, mutieren die W�lder langsam zur Gefahrenzone: Hexen und Waldschrate sind unterwegs, hier greift die Weltangst um sich. Und dieses un�berschaubar Bedrohliche ist bis heute ein Stilmittel geblieben. Denn im Wald, da sind die R�uber, schlimmer noch: die M�rder.

In unz�hligen Krimis stolpern Kommissare durchs Geh�lz, meistens ist es dann schon zu sp�t und die Leiche liegt irgendwo verbuddelt im Humus- und Bl�ttergrab.

Heute labt man sich an Sehnsuchtslandschaften auf Instagram

Das Dunkle, Dr�uende lebt auch bei den Romantikern im 19. Jahrhundert auf. Caspar David Friedrich malt einsame Tannen im Schnee, Waldlandschaften im Schein der D�mmerung und Kirchh�fe hinter d�rren B�umen. Besonders den Deutschen gehen diese Bilder ans Herz, vielleicht mehr noch als Robert Schumanns “Waldszenen”, auf deren Titelblatt der Erstausgabe nat�rlich dichter Tann abgebildet ist.

Die Stimmung der Natur mischt sich bei Friedrich mit einer tiefgr�ndigen Seelenschwere, Ahnungen von Verg�nglichkeit und Tod machen sich breit. Das mag immer wieder aufbrechen, doch der Maler war wie Heinrich Heine verbittert �ber Deutschlands politische Ohnmacht.

Freilich gibt es auch die Kollegen, die wie Ludwig Richter in die harmlose Waldesidylle fliehen und Menschen zeichnen, die es sich im M�rchen behaglich einrichten. Bei Joseph Anton Koch darf zwischen den Tannen noch der Gebirgsbach rauschen, und damit ist das Gl�ck dann auch perfekt.

In schwierigen Zeiten nichts Ungew�hnliches, heute labt man sich eben an Blumen und Sehnsuchtslandschaften auf Instagram.

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K�nstler und der Wald: Oft die Ironie im Schlepptau

Auch im 20. Jahrhundert streifen die K�nstler noch gelegentlich durch den Wald – sofern er ins Konzept passt. Dann wird er gerne verfremdet, bei Ren� Magritte und Max Ernst etwa, wo nicht mehr die Seele, sondern die Psyche enth�llt wird. Oder es geht direkt in den Dschungel, der sich beim vermeintlich naiven Henri Rousseau vom Paradies in einen Schauplatz des �berlebenskampfs verwandeln kann.

Es gibt aber auch die neusachliche Ann�herung eines Albert Renger-Patzsch, der B�ume, und zwar “sch�ne und merkw�rdige Beispiele aus deutschen Landen”, f�r einen Bildband fotografiert. F�rs Bedeutungsschwangere sorgt dann ein Essay von Ernst J�nger.

Es braucht eine Weile, bis sich die Deutschen von den hei� geliebten r�hrenden Hirschen l�sen. Entsprechend heftig lassen sie sich von Joseph Beuys provozieren, der sich �ber ihre Schw�rmerei f�r den Wald lustig macht und auf der Documenta 1982 sagenhafte 7.000 deutsche Eichen pflanzt. Auch Linden, Eschen und andere Baumarten sind dabei.

Die Ironie ist h�ufig im Schlepptau, wenn sich K�nstler mit dem Wald befassen, gleichwohl es heute viel um die Zerst�rung der Umwelt und bedrohte �kosysteme geht. Klimawandel inklusive.

Disney-Bambi-Reich aus virtuellen Waldlandschaften

In einer bemerkenswerten kleinen Ausstellung zeigt das derzeit die Eres-Stiftung in Schwabing. Der Rundgang beginnt mit einer Schutzh�tte (Hans Schabus) als Entree – dort riecht es einnehmend nach angekokelter Rinde – und endet in einem Disney-Bambi-Reich aus virtuellen Waldlandschaften, die man aus der Tier-Perspektive betrachtet (Persijn Broersen und Margit Luk�cs).

Dazwischen liegen monumentale Holztabletten von Martin Kippenberger, und wenn sich Ratte und B�r alias Peter Fischli und David Weiss wie zwei Kinder staunend durch den Wald treiben lassen und in einer Tour dummes Zeug im Kopf haben, dann will man ihnen sofort in diese schr�ge Wildnis folgen. Nicht bet�ubt wie vom pinselnden TV-Hypnotiseur Bob Ross, sondern angeregt wie bei einem erfrischenden Gang durch den Tann.
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Eres-Stiftung M�nchen, R�merstra�e 15, bis 27. M�rz 2021, samstags 10 bis 18 Uhr, nur nach vorheriger Online-Anmeldung unter eres-stiftung.de

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