"Es ging darum, mein Leben zu retten"

Aktivistin, Schauspielerin, Podcasterin und vieles mehr … Laverne Cox, 49, ist nicht zu stoppen. Als Werbegesicht der "SodaStream"-Pride-Kampagne setzt sie mit einem emotionalen Video ein wichtiges Zeichen. Im Interview mit GALA.de spricht Laverne über ihr Leben und die Herausforderungen als Schwarze trans*Frau in der heutigen Welt.

Laverne Cox im GALA-Interview

GALA: Im herzerwärmenden Video der “SodaStream“-Pride-Kampagne werden Sie als Superheldin dargestellt. Fühlen Sie sich im echten Leben ebenfalls wie eine Superheldin, wenn Sie darüber nachdenken, wie viele Menschen Sie inspirieren?
Laverne Cox: Nein, nicht wirklich. Für mich geht die Kampagne darum, der Super Hero des eigenen Lebens zu sein. Darum, die Menschen zu sein, die wir in der Welt sehen möchten. Es geht also weniger um mich, sondern eher um den Superhelden, der in uns allen existiert und die Welt verändern kann.

„Ich wusste schon immer, dass mein Leben eine Regenbogengeschichte wird, die Welt musste nur nachziehen", heißt es in dem Clip – eine Aussage voller Hoffnung und Glaube. Waren Sie schon immer eine hoffnungsvolle Person?
Ja! Ich glaube an eine Kraft, die größer ist als ich selbst. Natürlich hatte ich Momente, in denen ich meine Hoffnung verloren hatte oder daran zweifelte. Aber ich weiß jetzt, dass alles Gottes Timing war und nicht meins. Es hat lange Zeit gedauert, bis ich meine Träume ausleben konnte. Die Regenbogengeschichte der „SodaStream“-Kampagne geht um folgendes: Ich bin immer noch die selbe Person, wie früher. Ich bin sogar immer mehr ich selbst geworden. Es wurde Verständnis und Raum geschafften, der trans*menschen erlaubt, aufzublühen. Wir dürfen nicht aufgeben und müssen sicherstellen, dass jede:r Zugang zu genau diesem Leben hat.

Laverne Cox: “Meine Emmy-Nominierung ermöglichte anderen, ihren Traum zu leben”

Sie sind Teil der Netflix-Dokumentation „Disclosure“, die von der diskriminierenden Darstellung der trans*-Community in der Medien- und Filmindustrie handelt. Ihre Rolle als „Sophia“ in „Orange Is The New Black“ und ihre Emmy-Nominierung müssen also etwas sehr emotionales für Sie gewesen sein. Was ging in Ihnen vor, als Sie realisierten, was all das für eine Auswirkung auf Ihre Community und die ganze Welt hat?
Damals und auch heute dachte und denke ich, dass es nicht um mich geht. Es geht um eine komplette Bevölkerungsgruppe, deren Humanität für eine sehr lange Zeit degradiert wurde. Meine Emmy-Nominierung ermöglichte anderen trans*Menschen, ihren Traum zu leben, Geschichten zu erzählen und ein authentisches Leben zu führen. Natürlich war ich sehr gerührt von allem, was passiert ist, aber mir geht es mehr darum, welche Möglichkeiten all dies für andere trans*Menschen mit sich zog.

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Sie sind eine Inspiration und ein Vorbild für so viele Menschen. Das kommt mit viel Verantwortung. Fühlen Sie sich manchmal unter Druck gesetzt, wenn Sie darüber nachdenken?
Ich bevorzuge immer das Wort „Possibility-Model“ [dt. Möglichkeits-Model, Anm. d. Red.] statt des klassischen englischen Wortes „Rolemodel“ [dt. Vorbild, Anm. d. Red.]. Natürlich habe ich den Druck im Laufe der Jahre gespürt, aber ich versuche das loszulassen. Mir hilft es, zu wissen, dass es weitere trans*Menschen mit ähnlich großen Plattformen gibt, die ihre Geschichten erzählen. Es liegt also glücklicherweise nicht alles auf meinen Schultern. Wir meistern alles gemeinsam. Ja, es gibt Druck, aber aktuell bin ich erfüllt von Liebe und der Wertschätzung meines und dem Leben anderer trans*Menschen. Jedes Mal, wenn ich mir das bewusst mache, fühlt sich die Last direkt leichter an.

Traumatisierendes Ereignis auf den Straßen von Los Angeles

In der Vergangenheit und besonders am Anfang Ihrer Verwandlung gab es viele Situationen, in denen Sie diskriminiert wurden. Nun sind Sie eine preisgekrönte und bekannte Schauspielerin. Hat sich der Umgang fremder Menschen Ihnen gegenüber geändert?
Als ich im November letzten Jahres gemeinsam mit einer Freundin durch die Straßen von Los Angeles lief, kam ein Mann vorbei und stellte mein Geschlecht in Frage. Als meine Freundin sagte, er solle sich verziehen, schlug er zu. Es war inmitten der Pandemie, wir trugen also Masken. Das war ein Moment, in dem ich nicht als Laverne Cox wahrgenommen wurde, sondern einfach nur als eine trans*Frau. Obwohl ich eine bekannte Schauspielerin bin und mich viele Leute erkennen, bin ich im Alltag den gleichen Situationen ausgesetzt, wie viele andere Menschen, die trans sind. Das war ein sehr traumatisierendes und ernüchterndes Ereignis. Also ja, es passiert noch immer. Deswegen müssen wir daran arbeiten, die Herzen und Köpfe dieser Menschen zu öffnen. Ich lebe mein Leben und bin dafür sehr dankbar. Ich bin jedoch immer noch eine Schwarze trans*Frau und viel zu oft macht mich das zur Zielscheibe. Wenn Laverne Cox zur Zielscheibe werden kann, kann es jede:n treffen. Deswegen müssen wir umso härter für trans*Menschen auf der ganzen Welt kämpfen.

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Um nochmal auf das Zitat „Die Welt musste nur nachziehen“ zurückzukommen: Hat die Welt nachgezogen?
Ja und Nein. In manchen Aspekten total! Es geht nicht spurlos an mir vorbei, dass ich, ich selbst ein kann – eine Schwarze trans*Frau und Teil einer internationalen Kampagne für "SodaStream", die so viel dafür tun, den ökologischen Fußabdruck zu verringern. Also ja, in mancher Hinsicht hat der Rest der Welt aufgeholt. In anderen Situationen müssen wir aber noch viel lernen. Ich denke genau weil trans*Menschen sichtbarer denn je sind, gibt es Rückschläge in der Wahrnehmung der wunderschönen Humanität der trans*Menschen. Das sehen wir in den Medien und der Politik hier in den USA. 

Viele Menschen ringen immer noch damit, offen als trans*Frau oder trans*Mann zu leben oder sich zu outen. Was würden Sie diesen Menschen mit auf den Weg geben?
Du bist nicht allein, auch wenn es sich so anfühlt. Das Internet ist eine großartige Quelle für Hilfe. Es gibt so viele Menschen da draußen, die darauf warten, dir zu helfen und dich zu lieben. Du bist geliebt und liebenswert. Du bist es wert, geheilt zu werden. Und vor allem bist du es wert, ein authentisches Leben zu führen. Als ich meine Verwandlung vor 23 Jahren startete, war ich so ängstlich. Doch sobald ich den ersten Schritt wagte, fühlte ich eine immense Erleichterung. Und es war nicht so schlimm, wie erwartet. Natürlich hat die Tatsache, dass ich trans bin, mein Leben nicht einfacher gemacht. Im Gegenteil, in vieler Hinsicht hat es mein Leben erschwert. Aber ich war schon immer trans und wurde mein Leben lang gehänselt. Also dachte ich, wenn das eh der Fall ist und immer sein wird, dann möchte ich immerhin als mein authentisches Ich durch die Welt gehen. Und das hat alles einfacher gemacht. Für mich ging es darum, mein Leben zu retten.

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