Halsey: "Du bist die Madonna oder die Hure"

Nach der Geburt ihres Sohnes Ender Ridley Aydin im Juli rechneten Halseys Fans nur einen Monat später wohl nicht mit einem neuen Album. Die Ankündigung von "If I can't have love I want power" kam überraschend via Instagram: Es wurden keine Singles vorab veröffentlicht, auch auf Interviews oder Promotion verzichtete Halsey vollständig. Entgegen der Erwartungen ihres Umfelds geht es darin nicht um den Segen der Schwangerschaft oder ihre Vorfreude auf das Baby. Halsey spricht im Interview mit Zane Lowe von Apple Music über die gesellschaftlichen Zwänge einer schwangeren Frau, die das Album prägen.

Halsey: Therapie und Albträume

Vor und während der Schwangerschaft war Halsey nach eigenen Angaben in Therapie. Aufgrund ihrer bipolaren Störung entschied sie sich in der Vergangenheit bereits zwei Mal dazu, ihre Krankheit in einer psychiatrischen Anstalt behandeln zu lassen. Im Interview mit Zane Lowe spricht sie über die Angstzustände und Albträume, die sie während der Schwangerschaft verfolgten. Halsey träumte davon, in einer riesigen Blutlache aufzuwachen und ihr Baby verloren zu haben. Nach ihrer öffentlichen Fehlgeburt, die sie auf der Bühne während eines Auftritts erlitt, befürchtete sie die Wiederholung dieses traumatischen Ereignisses. Weil die Sängerin durch ihre Krankheit immer wiederkehrende, längere depressive Phasen erleiden musste, konnte sie ihr plötzliches Glück der Schwangerschaft nicht fassen. Sie fürchtete sich deshalb ständig vor negativen Schicksalsschlägen. Ihre innere Zerrissenheit sind Antrieb für das Album, das sich deutlich von ihrer bisherigen Pop-Musik unterscheidet.

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Ihre inneren Zustände trägt sie durch ihre Songs nach außen. Die finstere und rockige Ausrichtung des Albums spiegelt ihre Angst und Wut wider, obwohl sie sich privat in einer glücklichen Beziehung mit Drehbuchautor Alev Aydin befindet. Ihren Ärger richtet sich nämlich nicht gegen ihr Privatleben, sondern gegen die gesellschaftlichen Erwartungen an schwangere Frauen. Denn sie identifiziere sich mit so vielen Dingen, die sich nicht mit Mutterschaft vereinbaren lassen würden.

„Du bist die Madonna oder die Hure“

Halsey setzt sich seit Beginn ihrer Karriere für feministische Werte ein und kommuniziert ihr Recht auf Selbstbestimmung und sexuelle Freiheit deutlich in Interviews und ihren bisherigen Liedern, wie z.B. in "Nightmare". Das Denken in sozialen Kategorien missfällt ihr. Sie beschreibt im Interview mit Apple Music, dass Frauen in der Gesellschaft noch immer in zwei soziale Kategorien eingeordnet werden würden: "Du bist die Madonna oder die Hure." Denn wenn man sexuelles Verlangen habe, sei man für die Mutter-Rolle ungeeignet. Aber wenn eine Frau Mütterlichkeit aufweise, sei sie aus Sicht der Gesellschaft "unfuckable". Dieser Auffassung möchte sie in ihrem Musik-Film zum Album widersprechen. In einer narrativ zusammenhängenden Geschichte wird das Leid einer schwangeren Königin geschildert, die den angesprochenen Konflikten ausgesetzt ist. In der Hauptrolle des Films? Die schwangere Halsey, zwischen Körperlichkeit und Geburt.

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Zu jung oder verbittert

Halsey ist jetzt mit 26 Jahren Mutter geworden. Viele würden sie dennoch als "Teen-mom" behandeln und ihre zukünftige Karriere in Frage stellen, erzählt sie Zane Lowe. Weiter sagt sie, dass auch eine Schwangerschaft zu einem späteren Zeitpunkt von der Gesellschaft als "falsch" angesehen werden würde. Denn dann hätte man die Karriere über die Familie gestellt und gelte als verbittert und alleine. Auch diese gesellschaftliche Paradoxie war Antrieb für Songs wie "You asked for this" oder "The Tradition". 

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