Komm’ ins Offene, ins ungeklärt Unerklärliche!

In seinem Roman “Unendlichkeit – Die Geschichte eines Augenblicks” von 2012 entwirft Gabriel Josipovici das Porträt eines Komponisten aus Italien mit skurrilen Marotten. Er sammelt Krawatten, Hosen und Hemden, die er nach London zum Reinigen schicken lässt. Gleichzeitig lästert er über viele Zeitgenossen: von Paul Hindemith über György Ligeti und John Cage bis hin zu Pierre Boulez.

Der Wirbel in den Feuilletons war groß

Mit seinem “Mr. Pavone” meint Josipovici den 1988 verstorbenen Giacinto Scelsi. Bis heute wird der Komponist kontrovers diskutiert. Als 2007 bei den Salzburger Festspielen ein “Kontinent Scelsi” programmiert wurde, vom damaligen Konzertdirektor und heutigen Intendanten Markus Hinterhäuser, war der Wirbel in weiten Teilen des Feuilletons groß. Manche verehren Scelsi wie ein Guru, andere halten ihn für einen Scharlatan.

Scelsi verstand sich als Vermittler

Tatsächlich hat sich Scelsi zeitlebens als Bote oder Mittler verstanden, der nicht Klänge setzt, sondern empfängt. In der indischen Mystik und fernöstlichen Philosophie fühlte er sich zu Hause, und so improvisierte Scelsi am Klavier und ließ sich empfangen. Seit Mitte der 1950er Jahre hat Selsi seine Improvisationen auf Tonband mitgeschnitten, um sie von anderen transkribieren zu lassen. So sind nicht zuletzt seine Suiten für Klavier entstanden. Mit diesen Suiten setzt sich die Münchner Pianistin Sabine Liebner seit einigen Jahren intensiv auseinander: beim Label Wergo. Einige gewichtige Aufnahmen, die das Sein und Wollen dieser Musik beispielhaft reflektieren, liegen bereits vor: darunter von Markus Hinterhäuser. Was jedoch die Interpretationen von Liebner besonders auszeichnet, ist ihre ganz und gar unprätentiöse, wohltuend unaufgeregte Sicht.

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Sabine Liebner schert sich wenig um die gängigen Klischees

Sie schert sich wenig um die gängigen Scelsi-Klischees, verzichtet auf quasi-meditative Versenkungen oder spirituelle Ekstase. Ihr Spiel besticht mit einer Nüchternheit, die niemals kühl wirkt, sondern hochdifferenziert. Mit diesem Profil hat Liebner bereits die Suiten Nr. 9 und 10 eingespielt. Jetzt sind zudem die Suiten Nr. 8 von 1952 und Nr. 11 von 1956 erschienen. Im Juni 1977 uraufgeführt, trägt die Suite Nr. 8 den Untertitel “Bot-Ba”: also “tibetisch”. Mit diesem Werk beginnt Scelsi seinen Suiten-Zyklus, denn: In der Acht sah er seine persönliche Schicksalszahl. Die Gestaltungen von Liebner machen deutlich, wie sehr hier keine tibetisch gefärbten Ritualmusiken vorliegen, sondern Klang- und Ausdrucksstudien. Scelsi entwirft großflächige Cluster und pedalisierte Glissandi, reiht marschartige Staccato-Akkorde aneinander, bearbeitet einzelne Töne oder lässt sie ausklingen. Diesen Stil setzt die postum im Oktober 1988 uraufgeführte Suite Nr. 11 fort, um jedoch jähe Ausbrüche und eine härtere Motorik zu zeichnen.

Ungeschönte Brüche

Diese Brüche stellt Liebner ungeschönt heraus, die Groteske genauso wie die Momente der Stille oder gar der Trauer. Sie hat ein intuitives Gespür für die Zeit, die ein Klang benötigt, um sich atmosphärisch zu entfalten. Eine unerhörte Ereignisdichte ist das Ergebnis, die im aktuellen Hier und Jetzt umso mehr tröstet. Denn Liebner lässt das Offene, Ungeklärte, auch Unerklärliche zu. Auch deshalb ist diese CD der richtige Soundtrack zu einer Zeit in der Schwebe.

Sabine Liebner: “Giacinto Scelsi: Suite 8 & 11 per Pianoforte” (bei Wergo)

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