Kritik zu ‘Herkunft’ im Volkstheater: Wohin der Würfel fällt

Wo, wenn nicht bei einem Fußballspiel kann man in der Masse aufgehen und dabei ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit erleben? In seinem Erinnerungsbuch “Herkunft” erinnert sich Saša Stanièiæ an jene Zeit, als “seine” Mannschaft Roter Stern Belgrad sich im Europapokal immer weiter vorkämpfte. Im Volkstheater, wo Felix Hafner “Herkunft” adaptiert, wird die Bühne dafür in rotes Licht getaucht, das sechsköpfige Ensemble bildet ein Grüppchen vor und auf einer Treppe, die hier zur Tribüne wird.

Palette der Emotionen im Volkstheater

Nina Steils nimmt hier die Stanièiæ-Position ein und erzählt, wie der Junge sich mit seinem Vater jenes legendäre Rückspiel gegen den FC Bayern in Belgrad anschaute. In Zeitlupe spielen sie die Palette der Emotionen durch, bis hin zum triumphalen, humorvoll gehauchten Jubel.

Das war 1991. Roter Stern Belgrad hatte damals noch Spieler, die von allen Ecken und Enden Jugoslawiens kamen. Den Vielvölkerstaat sollte es aber bald nicht mehr geben. So gewinnt dieses Fußballspiel noch mehr an Bedeutung, auch für Saša Stanièiæ. Dessen Gedächtnis-Recherche kann man im Buch und nun in Hafners Inszenierung entspannt beiwohnen. Allein schon die einnehmende Sprache Staniic reißt dabei mit und erweist sich in einer klugen Textfassung als sehr bühnentauglich.

Bewegbare Räume für Stanièiæs Erinnerungen

Stanièiæ wirft in seinem Buch Schlaglichter auf vereinzelte, womöglich von der Fantasie stark eingefärbte Erlebnisse. Auf der von Camilla Hägebarth offen eingerichteten Bühne stehen ein kleiner und ein großer Kubus als bewegbare Erinnerungsräume sowie sechs Overhead-Projektoren, die als Scheinwerfer dienen und Klassenzimmer-Ambiente erzeugen können.

1992 flüchtete Stanièiæ als 14-Jähriger mit seiner Mutter nach Deutschland, der Vater kam später nach. In Heidelberg ging der Junge in die Schule und erfuhr während einer Unterrichtsstunde im August von den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Dass Neonazis ein Asyl-Wohnheim in Brand gesetzt hatten, machte ihm und der multikulturell zusammengesetzten Klasse Angst. Kann Deutschland wirklich zu einer Heimat werden?

Pulsierender Rhythmus auf der Bühne

Inwieweit Integration in Deutschland möglich ist, auch diese Frage wirft Stanièiæ in seinem Buch auf. Seine Eltern reiben sich in Heidelberg in Jobs auf, die ihren Fähigkeiten nicht entsprechen: der Vater auf dem Bau, die Mutter in einer Wäscherei. Stanièiæ selbst entdeckt an der örtlichen Aral-Tankstelle eine Art Ersatz-Zuhause. Hier bilden alle möglichen Kulturen eine fast schon utopische Gemeinschaft.

Auf der Bühne erklingt dazu Club-Musik, die Spieler entfesseln sich zum pulsierenden Rhythmus. In anderen Momenten verfallen sie in etwas seltsam anmutende Choreographien, bewegen sich dabei mitunter synchron, was aus dem sechsgespaltenen Staniic für Augenblicke eine Einheit macht. Felix Hafner schafft es, dem reinen Nacherzählen zu entkommen, und findet mit seinem Team immer wieder zu szenischen Momenten, bei denen auch Nebenfiguren zum Leben erweckt werden. Im Wechsel nehmen sie etwa die Rolle von Staniics Großmutter ein: eine wichtige Bezugsperson, deren Gedächtnis zunehmend nachlässt, was den Enkel umso mehr zu seiner Erinnerungsarbeit anstachelt.

Adaption des preisgekrönten Romans “Herkunft”

Geboren wurde Stanièiæ 1978 in der Kleinstadt Višegrad im heutigen Bosnien-Herzegowina. 2009, als Mann Anfang Dreißig, besuchte er das bosnische Bergdorf Oskorusa, wo sein Großvater aufgewachsen war. Staniic, hier verkörpert vom stark aufspielenden Jakob Immervoll, lässt sich von einem alten Freund des Opas, gespielt von Anne Stein, überreden, Wasser aus einem Dorfbrunnen zu trinken, als ob ihm dadurch mehr Sinn für seine wahre Herkunft eingeflößt werden könnte.

Lesen Sie auch

Felix Hafner im AZ-Interview über “Herkunft” am Volkstheater

Heute wohnt Stanièiæ, der für “Herkunft” 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, mit seiner Familie in Hamburg. Womit der Abend auch beginnt: Jonathan Müller schaut vom Balkon einer Hamburger Bleibe und zitiert tadellos Eichendorff-Gedichte. Kann ein Mensch denn integrierter sein?

Das Leben als Glückspiel

Die deutsche Romantik hat Stanièiæ für sich entdeckt sowie die Poesie des Zufalls: Abenteuergeschichten, in denen man als Leser selbst Entscheidungen treffen darf, mochte er schon in seiner Jugend und bietet in seinem eigenen Buch sechs sich verzweigende Lesestrecken zum Finale an.

Hafner lässt sein Ensemble dementsprechend einen Würfel werfen. Und je nach Augenzahl eines von sechs möglichen Schlüssen spielen. Wo man geboren wird, wo einen das Leben hinführt, ist ja tatsächlich eine Gegebenheit, ein Schicksalsspiel. Wenn man dann auf dem Weg eine Gruppe findet, mit der es sich hervorragend gemeinsam spielen lässt, entsteht sogar manchmal so etwas wie Glück.

Volkstheater: Briennerstraße am Stiglmaierplatz, Samstag, Sonntag und 30. Oktober sowie 3., 4. und 27. November, 20 Uhr.

Karten unter 089 523 46 55 oder unter www.muenchner-volkstheater.de.

Quelle: Lesen Sie Vollen Artikel