M�nchner Kammerspiele: Macht euch frei!

Wohin soll man nur schauen, wenn frontal vor einem ein nackter Mensch steht? Nat�rlich in einem gewissen Abstand, aber dann doch so, dass der Blick an diesem K�rper kaum vorbeikommt. Und das Gegen�ber schaut zur�ck. Was geht in diesem vor, wie f�hlt sich der andere in dieser Begegnung?

“Habitat/M�nchen” in der “pandemic version”

Allein schon mit dem Anfang ihrer Performance “Habitat/M�nchen”, deren “pandemic version” nun uraufgef�hrt wurde, macht Doris Uhlich ein Spiel der Blicke auf, erzeugt Gedanken �ber die Lust am Schauen und am Sich-Zeigen, aber auch �ber die eigene Scham und die Scham des anderen. Im gro�en Rechteck sitzen die Zuschauerinnen und Zuschauer an den R�ndern der Spielhalle der Kammerspiele, die jetzt Therese-Giehse-Halle hei�t. Ein Rechteck der Performerinnen und Performer steht vor ihnen. Hinter diesen �ffnet sich der leere Raum, den sie dann mit ihren Leibern, ihren Bewegungen f�llen werden. Diese sind zun�chst ruhig und einfach: ein Schreiten auf eine andere Position, ein Sich-Hinlegen, gem�tlich lehnend am Boden, in embryonaler Stellung wie zum Schlaf.

So simpel das alles ist, so mit Spannung gef�llt ist die Atmosph�re im Raum. Jene Happenings, die der US-amerikanische Fotograf Spencer Tunick mit nackten Menschen im �ffentlichen Raum veranstaltet, kommen in den Sinn; auch Doris Uhlich arbeitet immer wieder mit Laien und l�sst sie unbekleidet in Erscheinung treten. Ihre “Fetttanztechnik” hat sie in M�nchen schon bei der Tanzwerkstatt Europa in Workshops gelehrt und konnte sich nun wohl sicher sein, dass sich f�r dieses Projekt Freiwillige finden w�rden. Nackt sein klingt befremdlich, aber auch nach Scham�berwindung, einer Befreiung.

Fleischliche Pr�senz des K�rpers im Raum

Was man hier loswerden kann, auf Performer- wie Zuschauerseite, ist die Vorstellung perfekter, altersloser, photogeshoppter K�rper, die einem in den Medien, in Hochglanz-Magazinen, in der Pornografie eingetrichtert werden. Um Erotik geht es bei Uhlich nicht, sondern um die fleischliche Pr�senz des K�rpers im Raum, wie er sich zu eingespielter Musik in der Gruppe, gleichsam individuell bewegt, wie das Fett auf den Knochen in Vibration gebracht werden kann, die elektronischen Beats als Taktgeber. Es zuckt und schwabbelt bei Uhlich, dass es eine wahre Freude ist. Der K�rper selbst wird hier wieder zum Habitat, zum Wohnort f�r das selbstbestimmte Ich. Und da hier kaum jemand einen v�llig durchtrainierten Body hat, ist das Identifikationspotential hoch. Man m�chte mittanzen.

 

Eine beliebige Tanzorgie als Ersatz f�r Corona-bedingt ausfallende Clubabende ist das jedoch nicht. Uhlich hat mir ihrem Team unter dem neuen Diktat des Sicherheitsabstands geprobt, hat einzelne Partikel zu einer Performance zusammengebaut, die schl�ssig von einer Station zur n�chsten f�hrt: vom Stillstand zur ruhigen Bewegung zum ekstatischen Tanz, vereinzelt, jedoch stets in der Gruppe. Auch die Grenzen des Raums werden immer mehr erkundet, das Team begibt sich eine Etage h�her, r�ttelt an den Gel�ndern, tanzt �ber den K�pfen des Publikums weiter. Um dann wieder herunter zu kommen und jeweils in Schutzanz�ge zu steigen, die mehr N�he untereinander m�glich machen.

So r�cken sie zu einer Masse zusammen, das Plastik zum Schutz vor Viren dicht an dicht. Zwei treten aus der Gruppe aus, gehen auf Distanz, rennen aufeinander zu, lassen die K�rper aufeinanderprallen, eine heftige Umarmung. Im Grunde f�hrt Uhlich das wortlos weiter, was Falk Richter einen Tag zuvor mit “Touch” im Schauspielhaus t�nzerisch, aber auch im ausufernden Diskurs thematisierte: die Isolation im digitalen Zeitalter, noch mal verst�rkt durch die Pandemie, die Sehnsucht nach Kontakt, nach gegenseitiger Ber�hrung. Wenn die sich beherzt hingebenden Performerinnen und Performer von Uhlich am Ende zu ihren Ausgangspunkten zur�ckkehren und sich aus ihren Schutzanz�gen sch�len, f�hlt man sich ihnen als Betrachter wesentlich n�her als am Anfang. Die Blicke sind offener.

 

“What is the city?” am Odeonsplatz

Der Plan von Barbara Mundel und ihrem Team, die Kammerspiele zur Saison-Er�ffnung als Ort der Begegnung f�r die ganze Stadt zu etablieren, f�r Profis und Laien, geht mit diesem Projekt ber�hrend auf. Sicherlich w�re es auch sch�n gewesen, 150 M�nchnerinnen und M�nchner auf einem Laufsteg auf dem Odeonsplatz flanieren zu sehen und mehr �ber ihre Einstellungen zur Stadt zu erfahren. Das Format “What is the city but the people?” nach einer Idee des britischen K�nstlers Jeremy Deller er�ffnete das Manchester International Festival 2017 und markierte den Auftakt der Ruhrfestspiele 2019, konnte aber wegen der Pandemie jetzt nicht ohne Weiteres nach M�nchen weiter wandern.

Zumindest fand am Samstag unter dem Titel “What is the city?” ein Happening am Odeonsplatz statt, unter der konzeptionellen Obhut von Gina Penzkofer und Verena Regensburger. Den Laufsteg gab es, zahlreiche Fotos von Einheimischen, darunter Katrin Habenschaden, wurden gemacht, eine Band spielte gut gelaunten Afro-Pop, man durfte sich auf Postkarten zu Fragen rund um die Stadt �u�ern. Ein Gro�teil der 150 M�nchnerinnen und M�nchnern wurde bereits interviewt, viel Material ist also da: “What is the city but the people?” wird hoffentlich eines Tages in aller Breite stattfinden k�nnen.

Julia H�usermann: “Ich bin’s Frank”

Im Rahmen dieses Er�ffnungs-Wochenendes trat zudem Julia H�usermann auf: solo auf der B�hne des Schauspielhauses, umgeben von Felsen, die wohl f�r H�usermanns Schweizer Heimat stehen sollen, f�r ihre Verbundenheit zur Natur, wobei die junge Schauspielerin, Ensemblemitglied der integrativen Theatertruppe Hora, hier vor allem in die Pop-Kultur eintaucht.

“Ich bin’s Frank”, erkl�rt sie immer wieder, so lautet auch der Titel dieser von Nele Jahnke inszenierten Performance. Gemeint ist damit Frank Levinsky aus der Vorabendserie “Verbotene Liebe”, dessen Identit�t H�usermann kurzerhand �bernimmt, weil das im Theater einfach mal behauptet und geglaubt werden kann. Ebenso begeistert geht sie auf der B�hne ihrer Liebe zu Schlagern und Songs wie “Chandelier” nach.

Es ist eine nicht wirklich abendf�llende Performanceparty voller Musik und Videos, zu der sie alle freim�tig einl�dt.Wenn sie mit der Trillerpfeife in der Hand Einzelne aus dem Publikum auffordert, ein paar ihrer Bewegungen nachzuahmen, hat das viel Charme: Nach H�usermanns Pfeife tanzt man gerne. �bliche Leistungskriterien setzen bei “Ich bin’s Frank” aus; und sollen ausgesetzt werden.

Hier geht es um einen Akt der Zug�nglichmachung und der Selbsterm�chtigung. Auch ein Mensch mit geistiger Beeintr�chtigung kann im Schauspielhaus der Kammerspiele ein Solo bestreiten. Ob man das als �berm��ig politisch korrekte Geste empfindet oder zum Anlass nimmt, sich gewisser Vorstellungen zu entkleiden und sich darauf einzulassen, sei jedem selbst �berlassen.

“Habitat/M�nchen”: Therese-Giehse-Halle, Di, 20 Uhr; Do und Fr, 18 und 21 Uhr; So, 20.30 Uhr; “Ich bin’s Frank”: Schauspielhaus, 24.10., 20 Uhr; Karten: Tel. 089 233 966 00; www.muenchner-kammerspiele.de

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