Reines Mozart-Glück bei „Così fan tutte“ im Großen Festspielhaus

Christof Loy und Joana Mallwitz bringen eine sensationell gute Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ ins Große Festspielhaus

In der ganzen Stadt hängen Transparente, auf denen zu lesen ist, man habe vereinbart, auf eine Interpretation zu verzichten. Gemeint ist zwar Peter Handkes neues Theaterstück, aber diese Ankündigung lässt sich genausogut auf die Neuinszenierung von „Così fan tutte“ im Großen Festspielhaus beziehen. Sie bietet Mozart sozusagen pur, auch wenn es natürlich keine Aufführung ohne Interpretation geben kann.

Die Festspiele haben dafür den gewonnen, der so etwas am Besten kann: den Menschen- und Sängerversteher Christof Loy. Seine Inszenierung bringt zwischenmenschlichen Abgründe der zynischen Treueprobe so natürlich auf die Bühne, als wäre es ein realistisches Schauspiel frei von jeder Theaterkonvention. Dafür reichen ihm eine weiße Wand mit zwei Türen und mit ein paar Treppenstufen (Bühne: Johannes Leiacker). Dass sich die Fläche einmal teilt und den Blick auf einen Baum freigibt, ist fast schon zuviel.

Das perfekte Mozart-Ensemble

Loy hat es geschafft, fünf junge Sänger und den erfahrenen Johannes Martin Kränzle als Don Alfonso zu einem perfekten Ensemble zusammenzuschweißen. Alle sechs bieten ein Optimum an subtiler Darstellung und musikalischer Charakterzeichnung. Und man muss ein Profi oder Musikwissenschaftler sein, um die (durchaus beträchtlichen) Kürzungen zu bemerken, die Mozarts Opera buffa zu einem pausenlosen, knapp zweieinhalbstündigen Abend verdichten.
Natürlich interpretiert Loy die Geschichte. Im Unterschied zu vielen neueren Aufführungen treten keine Zwillingspaare mit womöglich auch noch ähnlich gefärbten Stimmen gegeneinander an. Alle vier Liebenden sind stark individualisiert. Die Schwestern kuscheln anfangs wie Kinder und sind womöglich ein wenig zu symbiotisch aufeinander bezogen, um die herbe Wirklichkeit männlicher Tricks vollständig zu durchschauen.

Marianne Crebassa ist als Dorabella ein dunkler Mezzo mit dramatischen Reserven. Elsa Dreisig reizt als Fiordiligi in beiden Arien die Möglichkeiten ihres Soprans voll aus. So etwas ist nicht ungefährlich, macht aber die Grenzüberschreitung dieser Figur deutlich, die mit dem Treuebruch mehr kämpft als ihre Schwester. Sie wird dabei unterstützt von der Dirigentin Joana Mallwitz, die im Rondo „Per pietà“ das Tempo zurücknimmt, um die Intensität zu steigern.

Die Liebhaber sind fast noch besser: André Schuen (Guglielmo) holt aus seinem vergleichsweise schweren und dunklen Bariton eine maximale Beweglichkeit heraus, Bogdan Volkov verbindet auf ziemlich einmalige Weise männliche Kraft mit lyrischem Geschmack. Johannes Martin Kränzles Don Alfonso wurde wie Despina (Lea Desandre) durch die Kürzungen leider etwas gerupft. Aber er ist der perfekte Spielmacher, der mit Täuschungskunst und sehr italienischer Körpersprache das böse Spiel lenkt, das Loy wie üblich doppelbödig enden lässt, ohne das zu forcieren.

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