Schillers elftes Album: Nostalgischer Neurotiker

Lange streifte Christopher von Deylen quasi heimatlos durch die Welt, ließ sich von Orten und Menschen inspirieren und machte einfach Musik. Seine Musik. Die elektronischen Traumwelten-Klänge, die teils von starken und bekannten Stimmen getrieben und begleitet werden. Den typischen Schiller-Sound eben.

Christopher von Deylen ist von Berlin aufs Land gezogen

Nun bringt er ein neues Album heraus. Und mitten in der Entstehungsphase von “Summer in Berlin” ist der 50-Jährige sesshaft geworden. Nicht etwa in der brummenden Hauptstadt, in der er zuvor bereits 15 Jahre gelebt hatte, sondern mitten auf dem platten Land im niedersächsischen Landkreis Rotenburg/Wümme – gemeinsam mit einem bis dahin ebenso umherstreunenden Kater.

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“Er hat mir das Herz geraubt und ist im Herbst mit eingezogen”, sagte von Deylen. Musikalisch ist sich der Künstler treu geblieben: Es gibt Soundcollagen zwischen Tangerine Dream, Enigma oder Jean-Michel Jarre, bewusst antizyklisch komponiert. Erfolgreich ist dieses Konzept seit der Gründung 1998. Die letzten vier Werke enterten auf der Stelle die Pole Position der einheimischen Charts.

Schiller im Interview über sein neues Werk

AZ: Herr von Deylen, Ihr neues Werk nennt sich “Summer in Berlin”, ist somit der Landeshauptstadt sowie der heißesten Jahreszeit gewidmet. Was verbindet Sie mit beiden?
SCHILLER Ich bin in der norddeutschen Provinz aufgewachsen. Da zieht es einen natürlich irgendwann in die große Stadt, weil man meint, dass sich dort das eigentliche Leben abspielt. Ich habe über zehn Jahre in Berlin gelebt und immer wieder erlebt, wie sich diese Metropole permanent neu erfindet. Was den Sommer betrifft: Ich komme zum Glück mit jeder Jahreszeit prima klar. Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – jede Zeit hat ihren Reiz.

Schiller ist Ihr Projekt, Ihr eigener Mikrokosmos. Sind Sie eine Art Musik-Autist?
Der bin ich unbedingt. Früher habe ich mit einer gewissen Ungeduld versucht, Inspiration für meine Lieder von außen zu bekommen. Jetzt höre ich konsequent auf meine innere Stimme, die mir ab und an etwas zuflüstert. Gelegentlich brüllt sie mich auch an. Bei meiner Arbeit möchte ich mir natürlich treu bleiben. Dabei ist es wichtig, den Kopf möglichst aus dem Spiel zu lassen, weil sonst das Bauchgefühl für die Musik verschwindet. Ich glaube, dass meine Stücke genau davon leben.

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Schiller bezeichnet sich selbst als nostalgischen Neurotiker

Was fasziniert Sie an der Elektronik beim Komponieren?
Ich fühle mich mit meinen meist analogen, demnach durchaus betagten Synthesizern wesentlich wohler als etwa in Begleitung einer Gitarre. Die Welt der Elektronik verschafft mir jede Menge kreativer Freiheit. Der Umgang mit der Elektronik leitet mich in immer neue musikalische Welten. Ich möchte, dass das Erfinden pausenlos weiter geht. Dass sich neue Wege auftun, die ich beschreiten kann. Ich habe mich immer schon liebend gerne auf mich und meine Projekte konzentriert.

Was möchten Sie mit Ihrer Musik erreichen?
Ob ich tatsächlich “Großes Kino” erzeuge, kann ich nicht beurteilen. Ich würde mich vielmehr als nostalgischen Neurotiker bezeichnen. Aber wenn ich meine Hörer auf Klangreisen mitnehmen kann, ihnen eine Auszeit vom hektischen Alltag verschaffe – dann habe ich mehr als genug erreicht. Nichts anderes will ich ja auch für mich selbst mit meiner Arbeit erreichen.”

“Berlin in Noten gefasst ist eine komplexe, flirrende Angelegenheit”

Ein Lied der neuen Box ist mit “Der Klang der Stadt” betitelt. Welchen Klang verbinden Sie damit?
Jede Stadt klingt anders. Obwohl ich mittlerweile wieder mehr auf dem norddeutschen Land zu Hause bin, ist für mich die Großstadt weiterhin ein vielfältiger, abwechslungsreicher Ort. Berlin in Noten gefasst ist eine komplexe, flirrende Angelegenheit. Wenn man sich “Der Klang der Stadt” am Stück anhört, kann man einen imaginären Spaziergang durch Deutschlands Hauptstadt erleben, der synonym natürlich auch in London, Paris oder New York stattfinden könnte.

Das Titelstück Ihrer Box ist ein Remake des Alphaville-Klassikers, deren Sänger Marian Gold hat es mit Ihnen neu eingespielt. Was verbindet Sie damit?
Als Alphavilles Debütalbum “Forever Young” im Herbst 1984 erschien, habe ich es nonstop gehört und im wahrsten Sinne des Wortes zu Staub gespielt. Ich musste mir irgendwann ein zweites Exemplar anschaffen. Besonders das Stück “Summer In Berlin” hat es mir angetan. Für mich klang damals alleine schon das Wort “Berlin” nach ultimativem Fernweh und Abenteuer.

Album “Summer in Berlin” besteht aus 14 Stücken und Live-Konzerten

“Summer In Berlin” besteht nicht nur aus einem Studioalbum mit 14 brandneuen Stücken, sondern beinhaltet auch vier bisher unveröffentlichte Live-Konzerte. Wie kam es zu dieser Großbaustelle?
Eigentlich sollte “Summer in Berlin” ein reines Live-Album werden. Dann kam Corona und mein Fokus hat sich von der Bühne zurück ins Studio verlagert. So entstanden eine Menge Ideen für neue Songs. Die habe ich dankend angenommen und umgesetzt.

Die früheren Stücke waren reine Club- und Dance-Angelegenheiten. Wie wichtig ist es Ihnen heutzutage, dass die Hörer zu Ihrer Musik tanzen?
Alles zu seiner Zeit. Ich habe versucht, den Club-Aspekt immer weiter zu ergänzen, um dem Hörer einen möglichst weiten musikalischen Horizont anzubieten. Audiophile Abenteuer für Kopf, Herz und Beine. Das schließt sich zum Glück nicht aus.

Schiller: “Ich höre so gut es geht auf mein Gemüt”

Sie erzeugen Musik gegen den Trend-Strom und sind damit dennoch äußerst erfolgreich. Wie funktioniert das?
Da schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei der inneren Stimme. Ich höre so gut es geht auf mein Gemüt. Musikalisches Empfinden kann mitunter sehr kontrastreich sein. Ich glaube, der Hörer kann spüren, dass meine Musik authentisch ist und sie deswegen näher an sich heranlassen. Außerdem versuche ich, zum Träumen einzuladen. Ein wenig Eskapismus ist für uns alle sicherlich hilfreich, denn daraus können wir Kraft und Energie schöpfen. Musik kann ab und zu tatsächlich Berge versetzen.

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