Simon Rattle: Der kommende Orchestersouffleur

Zwei Frauen sind es, zwischen denen sich dieses Drama im Kern entspinnt. Da ist Camilla Nylund als Jenufa, eine intelligente junge Frau, die ihre ganze Persönlichkeit in einen einzigen kurzen Befehl legen kann, aber auch die liebevolle Sanftheit für ein Wiegenlied hat. Noch im existentiellen Ausnahmezustand, wenn sie vom Tod ihres Kindes erfährt, bewahrt sich die Sängerin ihre Natürlichkeit. Sogar, als sie sich in einem Akt büßender Selbstverstümmelung die Haare abschneidet, bleibt der Gesang in den Extremlagen anrührend – die ausgeglichene Höhe und die einzigartig voluminöse Tiefe der naturhaften Sopranstimme machen es möglich.

Premiere der Neuinszenierung von Leos Janaceks Oper “Jenufa”

Ihr Gegenbild ist Evelyn Herlitzius als Küsterin: keine ältliche Hexe, sondern eine Frau, die mitten im Leben steht, deren Persönlichkeit aber durch den Druck einer mitleidslosen Dorfgemeinschaft hart und bitter geworden ist. Auch ihre sopranistische Unerbittlichkeit kann durch bohrende Selbstquälerei äußerst nuanciert aufgebrochen werden, wenn sie den Entschluss fasst, den unehelich geborenen Säugling zu töten, um Jenufa eine offene Zukunft zu ermöglichen.

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Kurz gesagt: Sie ist Jenufa, nur zwanzig Jahre später. Und im edel gereiften Gesang der alten Buryjovka von Hanna Schwarz setzt sich die schicksalshafte Ausweglosigkeit der Generationenfolge fort. Es muss überwältigend sein, diese psychologischen Geschehnisse im Theater verfolgen zu können. Wegen Corona aber konnte die Premiere der Neuinszenierung von Leos Janaceks Oper “Jenufa” aus der Berliner Staatsoper nur ohne Publikum übertragen werden.

Bühnenbild der Berliner Staatsoper soll minimalistische Kälte ausstrahlen

Wenigstens entschädigen dafür in der filmischen Umsetzung einige Großaufnahmen. Das ist gut so, denn ohne dieses packende Kammerspiel zwischen Nylund und Herlitzius wäre die Neu-Inszenierung von Damiano Michieletto, seine erste im Haus Unter den Linden, eine ziemlich belanglose Angelegenheit. Das Bühnenbild von Paolo Fantin soll wohl minimalistische Kälte ausstrahlen, zumindest auf dem heimischen Bildschirm aber verbreitet es bloß routinierte Fadheit, ähnlich wie die unauffälligen Kostüme von Carla Teti.

Auch sonst passiert nicht viel. Jenufa spannt beim “Ave Maria” einen roten Woll-Faden. Ladislav Elgr, der mit wohldefiniertem Tenor einen durchschlagenden Steva gibt, zerhackt manisch, aber ohne mitteilbaren Sinn einen Eisklumpen (die Küsterin wird das Kleinkind in Eiswasser ertränken); ebenso wird versäumt, die Gewaltsamkeit des eifersüchtigen Laca effektvoll in Szene zu setzen. Immerhin hebt sich Stuart Skelton mit seinem weichen, allerdings auch ein wenig diffus geführten Tenor wahrnehmbar von seinem Nebenbuhler ab.

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Simon Rattle sorgt für rhythmische Präzision

Eines der stärksten Bilder dieser Produktion ist der Pandemie geschuldet. Im weiten Sicherheitsabstand aufgestellt, bevölkert der Staatsopernchor den gesamten Zuschauerraum und kann sich somit prachtvoll verbreiten. Dass unter diesen Bedingungen die Koordination nicht immer punktgenau ist – sei’s drum.

Dafür sorgt Simon Rattle am Pult der Berliner Staatskapelle umso nachdrücklicher für rhythmische Präzision. Die Mikrophone fangen ihn anscheinend sogar dabei ein, wie er dem Orchester anfeuernde Impulse gibt, ähnlich, wie man auf Mitschnitten von Opernaufführungen oft die Souffleure hören kann. Diese dirigentische Einflüsterung schweißt die Staatskapelle so fest zusammen, dass ihre ausgedünnte Besetzung vergessen gemacht wird. Wir Münchner aber sind gespannt, wie Sir Simon bald beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den Orchestersouffleur geben wird.

Das Video kann man noch einen Monat auf www.3sat.de ansehen und anhören.

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