Valery Gergiev und Andreas Kriegenburg verbocken “Simon Boccanegra”

Giuseppe Verdis Oper „Simon Boccanegra“, inszeniert von Andreas Kriegenburg und dirigiert von Valery Gergiev

Populisten in gut geschnittenen dunklen Anzügen, die hin und wieder Kuverts mit Geldscheinen wechseln, im Zweifelsfall mit dem Messer zustechen und die in einem Land leben, wo der Nachbar des Nachbarn Feind ist. So stellt sich seit 100 Jahren der deutsche Spießer die Politik im schönen Italien vor. Und genauso sieht sie in Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“ im Großen Festspielhaus auch aus.

Der Regisseur meint das offenbar ernst. Und damit verfehlt er leider Verdis düsteres Meisterwerk, das kein politisches Drama ist, sondern die Verhärtung menschlicher Herzen durch die Politik darstellt. Um dies auszudrücken, bleibt den Sängern nicht viel mehr, als mit den Händen zu ringen. Auch Valery Gergiev ist ihnen da keine Hilfe, weil er dirigiert, als sei er kurzfristig bei einer Repertoirevorstellung der Wiener Staatsoper eingesprungen.

Luca Salsi und René Pape sind exzellent

Gergiev hat den Kopf tief im Orchester, Kontakt mit der Bühne hält er kaum. Ein Konzept für die Musik ist – im Unterschied zum Bayreuther „Tannhäuser“ – nicht zu erkennen. Vieles wackelt, beim Fluch am Ende der Ratsszene wird er immer langsamer, bis nur noch gewalttätiger Lärm übrigbleibt. Dramatik entsteht so kaum, und die Wiener Philharmoniker braucht man für so etwas auch nicht.

Zu allem Überfluss singt André Heyboer die kleine, aber wichtige Rolle wattig und kraftlos. Sonst gibt es Festspielwürdiges zu hören. Luca Salsi vertritt die Titelpartie kraftvoll und zugleich sensibel. Wenn er seine Tochter erkennt, wagt er ein gehauchtes „Mia figila!“. Salsi – das ist spätestens seit seinem Münchner Carlo Gérard in „Andrea Chenier“ klar – ist derzeit allererste Wahl im italienischen Bariton-Fach. Dass er in der Ratsszene keinerlei Bühnencharisma aufbringt und aus dem Dogen von Genua einen Provinzbürgermeister macht, muss man leider hinnehmen. Und seine Todessehnsucht wirkt auch mehr wie schlechte Laune.

Fast noch besser ist der mit hochdifferenzierter Gestaltungskunst und vielen dynamischen Schattierungen singende René Pape als Fiesco. Ezio Pinza oder Cesare Siepi haben „Il lacerato spirito“ auch nicht besser gesungen. Und wenn Pape von zu klagender Musik von einem Zitterer befallen wird und das Sakko nicht mehr anziehen kann, erweist er sich auch als großer Darsteller, der allerdings von Kriegenburg danach nicht mehr gefordert wird.

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