Weniger ist mehr

Geometrische Formen, klare Linien, raffinierteMaterialkombinationen sowie starke Farbkontraste – in der Schmuckindustrie sinddie kühnen Design-Codes des Art déco so etwas wie das Evangelium. EineBestandsaufnahme zum 100-Jahre-Jubiläum.

Die Stilrichtung aus den20er-/30er-Jahren wird von filigranen, dekorativen Elementen dominiert.Charakteristisch ist zudem die stilisierte, flächige Darstellung floraler sowieorganischer Motive. Zum hundertjährigen Bestehen dieser Stilrichtung sindPreziosen dieser Epoche wieder absolut „en vogue“. Das Geheimnis des Erfolgs?Trotz dieser langen Zeitspanne ist das Design in seiner Reinheit undAusdruckskraft immer modern und zeitüberdauernd geblieben.

Zeitlos interpretiert. Im Gegensatzetwa zu viktorianischem Schmuck, der reich und üppig verziert ist, so dass erirgendwann aus der Mode kam, ist Art déco geradezu revolutionär: Minimalismusund geometrische Linien prägen die Stilrichtung und sorgen dafür, dass sie auchüber die Jahrzehnte nie an Bedeutung verlor.

Allgegenwärtig ist der Stil unteranderem bei den Verlobungsringen. Besonders schön: der filigrane Artdéco-Fingerschmuck von Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson. Aber auchüber d­iesen Bereich hinaus finden sich bei den verschiedenen Juwelieren undMarken immer wieder funkelnde Interpretationen, die von den Design-Codes dieserEpoche inspiriert wurden: Eckige Silhouetten und raffinierte Kombinationen vonEdelsteinen, entwickeln den Look auf überraschende Weise weiter. Man könnte esauch so formulieren: Aufgrund seiner einfachen Formgebung ist das Art décoständig reif für Neuerfindungen. Die klaren Linien machen die Stücke aber auchextrem wandlungs- und anpassungsfähig.

Zurück zu den Wurzeln. Um die Geburtsstunde des Art déco zuverorten, muss man das Rad der Geschichte ein wenig zurückdrehen: Das Aufkommendes neuen Stils wird von vielen in der Internationalen Ausstellung für modernedekorative Kunst und Kunstgewerbe vermutet („Exposition Internationale des ArtsDécoratifs et Indus­triels Modernes“), die 1925 in Paris stattfand – obwohl derBegriff selbst erst viel später vom britischen Historiker Bevis Hillier in den1960er-Jahren populär gemacht wurde.

Die modernistischen Ideen, aus denen dieinternationale Bewegung hervorging, entstanden jedoch schon Jahre vor derAusstellung, als westliche Juweliere wie etwa Jacques Cartier in den1910er-Jahren nach Indien und an den Persischen Golf reisten und mitEdelsteinen zurückkehrten, die für den aufstrebenden Stil von zentralerBedeutung waren. Heute vermittelt Cartiers zeitgenössische Designsprache eineArt déco-Vision des 21. Jahrhunderts, indem sie die scharfkantigenSteinschnitte dieser Zeit mit organischen Formen und Farben kombiniert. Art décoist im Herzen also immer noch eine zutiefst französische Angelegenheit –glanzvoll, elegant und aufregend.

Vom Material bis zur Farbe. Homogen ist der Stil jedoch nochlange nicht. Wie die Journalistin Alexandra González einmal schrieb: „Eherpinnt man alle Fluginsekten des Dschungels in eine Vitrine, als dass man denArtenreichtum dieser Epoche zu fassen bekommt.“ Das Ergebnis dieser glanzvollenZeitspanne sind damals wie heute Geschmeide mit einer schier unendlicherscheinenden, geschmacklichen Freiheit: Es gibt sündhaft teure HauteJoaillerie-Preziosen weltberühmter Häuser wie etwa die Contemplation-Kollektionvon Boucheron und günstige Preziosen wenig bekannter Manufakturen, die eineEntdeckung wert sind – wie My Magpie, ein österreichisches Label, dasSchmuckstücke im Design des Wiener Jugendstils herstellt.

Bloß nicht Schwarz sehen. Nimmt man die zentralen Design-Codesgenauer unter die Lupe, zeigen sich verschiedene Elemente, die ein Schmuckstückals Art déco klassifizieren: Schwarz, in Form von Onyx, Lack, Emaille, ist einzentrales Element. Obwohl der Farbton für die Zeit typisch war, ging er weitdarüber hinaus und hat sich bis heute gehalten. Schwarz ist integralerBestandteil der Farb-Palette. Als grafisches Element unterstreicht es die Formen,stilisiert das Design und schafft einen Effekt aus Schatten und Perspektiven.Zentrale Materialien sind Weißgold oder Platin sowie die Symmetrie der Form mitihren klaren Linien. Die Steine, egal, ob nun Brillant oder Onyx, sind im„Calibre Cut“ modifiziert, das bedeutet, sie sind speziell auf das Design desSchmuckstücks zugeschnitten oder mit einer großen Finesse in die Fassungeneingeschliffen. Die handwerkliche Exzellenz der Kleinodien lässt sich geradezumit Händen greifen. Die filigranen Arbeiten zeichnen sich teilweise durchkleine, komplizierte Ausschnitte („Filigree“) aus. Neben der handwerklichenFinesse überzeugen die Preziosen durch ihre hervorragende Alltagstauglichkeit.Kein Wunder also, dass die Popularität nie abebbte und nun zum Jubiläum nochmalseine kreative Frischzellenkur erfährt. Bon anniversaire!

„Eher pinnt man alle Fluginsekten des Dschungels in eine Vitrine, als dass man denArtenreichtum dieser Epoche zu fassen bekommt“, so Alexandra González.

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