‘Wir Kinder vom Bahnhof Zoo’: Im zerstörerischen Rausch

Der Rausch der Jugend kann schon mal die Gesetze der Schwerkraft aushebeln. Am Ende der Pilotfolge von “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” tanzen Christiane und ihre Clique in ihrer Stamm-Disco “Sound”, wobei ihre Körper sanft in die Luft steigen: ein kollektiver Höhenflug, völlig befreit, zumindest für diesen einen Moment. Der DJ hat dazu ein frisches Cover von “Everybody’s Free (To Feel Good)” aufgelegt, einem Song der Sängerin Rozalla aus dem Jahr 1991.

Musikalische Freiheiten

Bei aller Lust an der Rekonstruktion einer vergangenen Ära haben sich die Serienschöpfer ein paar (musikalische) Freiheiten genommen: “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” basiert auf der wahren Geschichte von Christiane F., deren Schicksal in den 70ern die Republik erschütterte. Als 12-Jährige rauchte sie zum ersten Mal Haschisch, mit 13 spritzte sie sich Heroin, ein Jahr später ging sie auf den Kinderstrich. In Interviews berichtete sie den “Stern”-Reportern Horst Rieck und Kai Hermann von ihrer Jugend; die machten daraus eine Artikel-Serie, dann ein Buch.

Das erfolgreichste deutsche Sachbuch der Nachkriegszeit

Mit mehr als vier Millionen verkauften Exemplaren weltweit avancierte das 1978 veröffentlichte Werk zum erfolgreichsten deutschen Sachbuch der Nachkriegszeit. Die Verfilmung von Uli Edel, produziert von dem damaligen Constantin-Chef Bernd Eichinger, lockte 1981 fast fünf Millionen Zuschauer in die Kinos. Da Edel das vorhandene Material für den Film stark eindampfte, lag es für die Constantin nahe, aus dem Stoff vierzig Jahre später eine neue Serie zu entwickeln.

AZ: Frau von Uslar, Herr Kadelbach, einmal sieht man in “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” während einer Montage-Sequenz in eine Schulbank das alte Diktum von Horaz, “Carpe diem”, eingeritzt. Geht es genau darum, wenn man Drogen nimmt: den Augenblick voll und ganz zu genießen?
PHILIPP KADELBACH: Dieser Moment ist natürlich eine ganz starke Überhöhung. Insgesamt wollten wir bei dieser Serie gerade nicht den Drogenkonsum und den damit verbundenen Lifestyle verherrlichen, weshalb wir auch den Rausch nicht visualisiert haben. Stattdessen haben wir versucht, die inneren Gefühlslagen der Kinder zum jeweiligen Zeitpunkt der Geschichte in Szene zu setzen…
SOPHIE VON USLAR: …und in diesem Moment ist Christiane an einem Punkt angekommen, wo sie sich “in control” fühlt: Sie schafft jetzt wie die anderen Mädchen auf dem Kinderstrich an, verdient ihr eigenes Geld, ist also nicht mehr abhängig von ihren Eltern oder von ihrem Freund. Sie hat das Gefühl, dass sie die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen kann. Das “Carpe diem” zeigt das in überhöhter Form, ist aber ein absoluter Kippmoment, weil sich alle drei Mädchen zwar gerade noch sehr gut fühlen, wir als Zuschauer aber ahnen, dass es mit ihnen jetzt steil bergab gehen wird.

Diese Überhöhung hat zum Teil auch was Magisches, zum Beispiel, wenn Christiane alleine in einer U-Bahn-Station sitzt und es im Raum anfängt zu regnen.
PHILIPP KADELBACH: Ja, wobei sie auch in diesem Moment nicht auf Droge ist. Ganz im Gegenteil: Sie fühlt sich elend, einsam und verlassen, und dann fängt es im Inneren der Station an zu regnen. Das hat auch etwas Märchenhaftes; die ganze Geschichte ist mehr oder minder wie ein Märchen.

Weshalb sich diese Geschichte auch immer wieder erzählen lässt?
PHILIPP KADELBACH: Wir haben uns lange damit beschäftigt, ob ein Remake gerechtfertigt ist. Der Film von Uli Edel ist ein Denkmal, den finden wir auch ganz toll. Aber damals wurde der Drogenkonsum von der Bevölkerung anders wahrgenommen, es hatte damals noch etwas Neues. Heute kennen wir das alle und wissen viel mehr über die Konsequenzen. Aus diesem veränderten Bewusstsein heraus wollten wir die Geschichte neu erzählen. Das Thema selbst ist ja brandaktuell: Es werden mehr Drogen genommen als je zuvor, Heroin ist nach wie vor ganz weit oben auf der Liste. Die Gefühle dazu sind zeitlos, weshalb wir uns vor allem anhand der Emotionen der Figuren durch die Geschichte bewegt haben. Dabei hat uns vor allem interessiert, warum die Kinder Drogen nehmen.

Tonbandaufnahmen waren die Basis für die Drehbücher

Das repressive Umfeld der Kinder hat offenbar einen starken Einfluss. In Uli Edels Film kommen die Eltern kaum vor, jetzt haben sie ausgearbeitete Handlungsstränge. Haben Sie das aus der Vorlage?
SOPHIE VON USLAR: Ja, das kommt im Buch vor und vor allem in den Tonbandaufnahmen.
PHILIPP KADELBACH: Wir hatten die Original-Tapes der “Stern”-Reporter, das waren über 100 Stunden Material, es war eine wahnsinnige Recherche. Im Gegensatz zum Film waren die Tonbandaufnahmen jetzt auch verstärkt Basis für die Drehbücher. Wir haben vieles dazu genommen, weshalb wir die Serie nicht “Christiane F.”, sondern “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” genannt haben.

Wer hat eigentlich den ersten Anstoß zu der Serie gegeben?
SOPHIE VON USLAR: Es war eine Bewegung von zwei Seiten. Wir von Constantin-Seite waren in Kontakt mit den zwei “Stern”-Journalisten, gleichzeitig hat uns Drehbuchautorin Annette Hess wegen einer möglichen Zusammenarbeit angesprochen. Für sie war das Buch sehr wichtig, sie hatte aber das Gefühl, dass der Film damals sehr vieles nicht erzählt hatte, und sah jetzt die Möglichkeit, diesen Kosmos noch viel weiter zu öffnen. Philipp kam dann sehr früh bei der Buchentwicklung mit an Bord.

Es gibt nun dennoch Elemente, die auch in Uli Edels Film zu finden sind: die Wellensittiche im Käfig in der WG von Axel und Michi; der Kunde “Stottermaxe”, der sich von Christiane auspeitschen lässt; der gemeinsame Entzug von Christiane und ihrem Freund in der Wohnung ihrer Mutter.
PHILIPP KAUDELBACH: Das stimmt. Wir haben einerseits versucht, uns von dem Film freizumachen und das Thema ganz auf unsere Art zu erzählen. Andererseits wollten wir bewusst Zitate einflechten. Es gibt auch Einstellungen, die dem Film von Uli Edel ähneln. Und wir haben einige Räume mit den Szenenbildnern entwickelt, die sich an die Räume des Films anlehnen.

Junge Talente in den Hauptrollen

Sie haben einen tollen Cast mit jungen Talenten, darunter Jana McKinnon, die jedoch über zwanzig Jahre alt ist und damit um einiges älter als die 13- bis 15-jährige Christiane. Wie lief das Casting ab?
PHILIPP KADELBACH: Wir haben in verschiedenen Städten ein Casting in Auftrag gegeben, mit einem breiten Altersfenster von 13 bis 19 Jahren. Dann haben wir uns viele junge Schauspielerinnen und Schauspieler angeschaut, aber nicht explizit auf bestimmte Rollen gecastet. Stattdessen haben wir mit jedem Einzelnen zusammengearbeitet und dabei geschaut: Wie ist die Ausstrahlung, wie ist die Präsenz. Dann haben wir immer wieder hin- und hergeschoben – das könnte eine Christiane sein, das ein Benno – und haben so versucht, ein Ensemble zu finden. Das hat über sechs Monate lang gedauert. Und Jana McKinnon hat am besten zu der Christiane gepasst, die wir uns vorgestellt haben.

Die Serie wurde zusammen mit Amazon produziert. Wie war die Zusammenarbeit? Es ist ja manchmal zu hören, dass die Streaming-Anbieter einen ziemlichen Produktionsdruck ausüben.
SOPHIE VON USLAR: Ich glaube, wir hatten nicht ganz typische Bedingungen, weil wir das Projekt schon sehr lange bei uns im Haus entwickelt hatten. Amazon hat für seinen Koproduktionsanteil die deutschsprachigen Rechte erworben, die anderen Rechte liegen bei uns. Insgesamt haben wir alle Entscheidungen als Partner gemeinsam getroffen. Es ist schon zu hören, dass bei Netflix mit dem Auftrag klar ist, an welchem Datum das herauskommen soll. Dann läuft die Uhr. Wir hatten natürlich auch Zwänge, gerade mit Corona, aber wir haben mit Amazon realistische Zeitpläne vereinbart.
PHILIPP KADELBACH: Von Regieseite muss ich auch sagen: Ohne Druck geht es nicht. Ich würde sicherlich an der Serie noch zwei Jahre weiter herumtüfteln, wenn mir das niemand wegnimmt.

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Nostalgie der vordigitalen Zeit

Die Serie führt in eine vordigitale Zeit zurück, als alle noch klobige Telefone hatten und Musik auf Schallplatten hörten. Wie nostalgisch hat Sie der Dreh gemacht?
SOPHIE VON USLAR: Also, ein Telefon mit Wählscheibe erzeugt bei mir schon eine gewisse Nostalgie. Ich erinnere mich, dass mein Sohn irgendwann, als wir bei Freunden in Frankreich waren, vor einem solchen Telefon stand und nicht wusste, wie das geht. Ich meinte: Du steckst den Finger rein, drehst und lässt dann los. Er probierte es, aber es funktioniert nicht! Sein Kommentar: das ist kaputt! Es stellte sich heraus, dass er seinen Finger in die Null gesteckt und bis zu der Zahl gedreht hatte, die er erreichen wollte. Da merkt man erst, wie alt man ist. Jetzt beim Dreh gab es für mich immer wieder Momente, die in mir Kindheitserinnerungen wachgerufen haben. Das hat mich emotional total angefasst.
PHILIPP KADELBACH: Woran ich mich noch erinnere: Dass man sich nicht in einem WhatsApp-Gruppenchat verabredet hat. Sondern man hat gesagt, okay, wir treffen uns an diesem Ort zu dieser Zeit und dann ist man dort zu diesem Zeitpunkt gewesen und hat gewartet, bis die Person kam. Meistens kam sie nicht. Das ist auch ein großes Thema im Film: Da verabreden sich alle ständig…
SOPHIE VON USLAR: … und dauernd sucht einer den anderen.
PHILIPP KADELBACH: Das ist wirklich noch ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Ab Freitag abrufbar auf Amazon Prime

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