"Beim Thema Rassismus kann ich mir Unwissenheit nicht leisten"

Joy Denalane ist nicht nur die deutsche Soulqueen, sondern schafft es in Songs und Gesprächen sozialen Themen auf den Zahn zu fühlen. Mit t-online spricht sie über Rassismus, Veränderungen und zweite Chancen.

Seit ihr Solodebüt “Mamani” 2002 erschien, ist Sängerin Joy Denalane feste Größe der deutschen Musikszene. Mit “Let Yourself Be Loved” hat sie nicht nur ein reines Soulalbum auf Englisch aufgenommen, sondern sich auch selbst bewiesen, dass man die eigenen Ideen verfolgen soll. Denn im ersten Anlauf gelangen ihr dieses Album vor fünf Jahren nicht. Im Interview mit t-online redet sie nicht nur über ihre Musik, sondern verrät auch welche Belastung die Corona-Krise für ihre Familie darstellt und beurteilt den Willen zur Veränderung der deutschen Gesellschaft.

t-online: Das vergangene halbe Jahr war durch die Corona-Pandemie geprägt. Unter welchen Umständen haben Sie Ihr neues Album aufgenommen?

Das Album wurde in der Nähe von München aufgenommen. Das war aber lange vor Corona. Die ersten Aufnahmen fanden nämlich bereits 2018 statt. Intensiver wurde es 2019. Ende letzten Jahres war die Platte fertig, aber dann wäre die Visualisierung des Albums an der Reihe gewesen. Durch Corona ist das alles in die Lockdownphase gefallen. Alles stand auf Pause und wir mussten abwarten. Als der Lockdown aufgehoben wurde, haben wir angefangen, die Musikvideos zu produzieren, Fotoshootings zu machen und das Cover zu gestalten.

Wie haben Sie denn den Lockdown verbracht? Arbeiten war scheinbar nicht so problemlos möglich.

Persönlich hat mich am meisten die Distanz zu meinem Vater getroffen. Wir durften ihn nicht besuchen. Ich glaube, dass das auch für ihn sehr, sehr schlimm war.

Wie sind Sie dann in Kontakt geblieben?

Wir haben viel miteinander telefoniert. Irgendwann gab es dann auch wieder Besuchsmöglichkeiten und wir konnten durch ein Fenster mit ihm sprechen. Das war schon ein bisschen schräg. Mein Vater ist schon ein bisschen betagt. Das hat es kompliziert gemacht. Es ist traurig, weil man den menschlichen Kontakt ja braucht.

Neben Corona beschäftigt aktuell vieles die Welt. Wahlen, Sexismus, Rassismus… In dem neuen Song “Stand” singen Sie “Gotta run searching for answers, but that would only make it worse”. Haben Sie manchmal Angst vor den Antworten auf die Fragen unseres Alltags?

Ich kann es mir gar nicht leisten, unwissend zu sein. Gerade nicht bei einem Thema wie Rassismus. Es ist die Verantwortung der Gesellschaft, sich mit ihren Problemen zu befassen und sie zu untersuchen, um sie zu verbessern. Ich würde da niemals weggucken.

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L.O.V.E.

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Sehen Sie denn eine gewisse Veränderung bei den Problemen der Gesellschaft?

In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es aktuell großen Bedarf über Probleme zu sprechen. Man zieht Wissenschaftler und Experten zu den großen Fragen hinzu und befasst sich mit der Empirie. Das finde ich gut und es ist eine Veränderung zu dem Zustand vor der „Black Lives Matter“-Bewegung. Ich sehe eine gewisse Bereitschaft auf die eigenen Privilegien zu schauen und sie in einen Kontext mit den Nicht-Privilegien anderer zu stellen. Es ist aber auch so, wenn man heute das Thema Alltagsrassismus in Deutschland anspricht, dass die Leute schon fast wieder die Augen verdrehen und etwas erschöpft sind.

Trotz der Erschöpfung einzelner: Glauben Sie, dass gerade ein günstiger Zeitpunkt für positive Veränderungen ist?

Dafür ist eigentlich immer der richtige Zeitpunkt. Man kann die Rassismus-Debatte aber auch nicht mit einer Corona-Debatte vergleichen. Bei dem einen trägt man eine Eigenverantwortung, das andere ist eine Pandemie, die einem widerfährt und die Gesellschaft auf eine andere Weise erschöpft. Die Leute sind überanstrengt, weil so viel los ist. Man muss den Menschen Platz gewähren mit ihrem eigenen Schicksal zurechtzukommen. Aktuell ist es für jeden schwer, weil die Folgeschäden überhaupt nicht abzusehen sind. Man sollte dennoch immer die Verantwortung annehmen hinzuschauen.

Immerhin ein kleiner Lichtblick ist Ihr neues Album “Let Yourself Be Loved”. Der Sound ist mehr retro als beim recht modernen Vorgänger “Gleisdreieck”. Wie kam das?

Eigentlich ist es umgekehrt, denn geschrieben wurde “Let Yourself Be Loved” bereits 2015. Ich hatte das Bedürfnis diese Soul-Platte zu machen. Die Produktionsansätze waren damals zwar ganz gut, aber sie verfehlten ihr Ziel. Das hat mich frustriert, aber man kann als Künstlerin dann nicht alle Viere von sich strecken und nichts mehr tun, sondern muss sich etwas Neues überlegen. Ich habe mit “Gleisdreieck” von Null angefangen. Danach habe ich mich noch einmal getraut, die liegen gelassenen Songs wieder anzufassen. Mit dem richtigen Produzenten war es dann eine schöne Sache.

Haben Sie sich Druck gemacht, dass es mit den 2015 geschriebenen Songs im zweiten Anlauf dann doch klappen muss?

Nee, es wusste ja auch niemand, dass es dieses Album geben könnte. Ich habe unter dem Radar daran gearbeitet und es war eher trial and error, um zu sehen, was dabei raus kam. Als ich die ersten Demovorschläge geschickt bekommen habe, war ich guten Mutes, dass es dieses Mal klappt.

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Das neue Album erscheint beim Klassiker-Label Motown. Sie sind die erste deutsche Künstlerin, die über dieses Label veröffentlicht. Wie kam es denn dazu?

Als die Platte fertig war, habe ich sie meinem Label gezeigt. Die meinten nur “Wow, das haben wir nicht erwartet” und sie wollten das mit Motown teilen. Ob ich denn damit einverstanden wäre. War ich natürlich.

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