ARD-Moderatorin über größte Lotto-Panne ihrer Karriere

Eine einzige Zahl sorgte für Chaos bei der ARD und im ZDF: Auch 15 Jahre später wird Franziska Reichenbacher noch immer auf diesen einen Fehler angesprochen. Im Interview erklärt sie, wie es dazu kam, wieso sie dieses Malheur nie vergessen hat und warum sie als Lottofee auch belächelt wird.

Auf einmal steht auf der Tafel eine 8 und nicht die 18. Es ist eine einzige Zahl, die den Verantwortlichen der Lottoziehung vor genau 15 Jahren zum Verhängnis wird. In der Sendung am 30. Juli 2005 kam es zu einer Panne, die in der ARD und später auch im ZDF für Chaos sorgte.

Die Lottofee der damaligen Ziehung war Franziska Reichenbacher. Die Moderatorin hatte die richtige Zahl gezogen, eingeblendet wurde später jedoch die falsche. An das Malheur von einst erinnert sie sich noch gut, denn darauf angesprochen wird sie auch heute noch – und das, obwohl sie damals gar nichts dafür konnte.

Im Interview mit t-online.de erklärt die heute 52-Jährige, wie es zu der damaligen Panne kam, warum sie für ihren Job als Lottofee oft belächelt wird und wieso Frauen im Job immer besser als Männer sein müssen.

t-online.de: Frau Reichenbacher, heute vor genau 15 Jahren kam es bei der Lottoziehung zu einer Panne. Erinnern Sie sich noch daran?

Franziska Reichenbacher: Das verfolgt mich bis heute. Das werde ich wohl nie vergessen. Im Grunde war es erstmal nur ein Flüchtigkeitsfehler, der immer größere Kreise zog. Wie der berühmte “Schmetterlingseffekt”: Der Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Tornado auslösen kann. So dramatisch war es sicher nicht, aber einen kleinen Sturm der Verwirrung gab es schon. Wäre es in Zeiten von Social Media passiert, wäre womöglich noch ein halber “Shitstorm” aufgezogen.

Was genau ist passiert?

Die Ziehung der Lottozahlen war zunächst korrekt verlaufen, nach den sechs Richtigen wurde wie immer die Zusatzzahl gezogen, es war die 18. Dann wurde noch die Superzahl gezogen und dann folgte wie immer die Zusammenfassung aller Gewinnzahlen, bei der ich die Zahlen wiederhole, die dabei auf einer Tafel eingeblendet werden. Leider stand auf dieser Tafel als Zusatzzahl eben nicht die 18, sondern eine 8. Diese falsche Zusatzzahl habe ich auch genannt. Ich meine mich zu erinnern, dass ich innerlich noch kurz stutzte, aber ich konnte mich immer zu 1.000 Prozent darauf verlassen, dass diese Tafeln vom Ziehungsleiter kontrolliert waren, bevor sie in der Sendung eingeblendet wurden. Nur an diesem Tag war es leider nicht so.

Auf der Tafel steht die 8 als Zusatzzahl, gezogen wurde jedoch die 18. (Quelle: Das Erste / hr) 

Wie wurde denn aus einer 18 eine 8?

Normalerweise sitzt im TV-Studio ein Mitarbeiter an einem Computer, um während der Live-Sendung diese Tafeln herzustellen. Der Ziehungsleiter steht daneben und kontrolliert die Eingabe, die sehr schnell erfolgen muss, weil die Tafel nur wenige Sekunden nach der Ziehung eingeblendet wird. Schon immer ein kleiner Nervenkitzel für das Ziehungsteam. Das Unglück nahm seinen Lauf, als an diesem Tag genau dieser Computer im TV-Studio ausfiel. Deshalb mussten ausnahmsweise diese Tafeln im Regieraum hergestellt werden, der aber weit entfernt war. Im Regieraum passierte also der Eingabefehler, jemand setzte statt der 18 die 8 ein. Und genau diese Tafel konnte der Ziehungsleiter nicht mehr ansehen und ging deshalb ungeprüft in die Sendung. Ich selbst wusste nichts von dem ausgefallenen Computer, leider. Wer weiß, vielleicht hätte ich mich, als ich diese 8 sah, dann nochmal zum Gerät umgedreht, wo die 18 im Röhrchen lag. Aber man hat für all das nur wenige Sekunden.

Und es hat auch sonst niemand reagiert?

Leider hatte während der Live-Sendung niemand den Fehler bemerkt. Wenn ein Fehler passiert, den man gleich erklären und korrigieren kann, ist das meist kein großes Problem. So aber blieben die Zuschauer verwirrt zurück: War nun die 8 gültig, die gefühlt amtlich korrekt auf der Tafel stand, oder die 18, die man wenige Minuten vorher gesehen, womöglich mitgeschrieben hatte? Nach der Sendung liefen schon die Telefone heiß, weil so viele Zuschauer anriefen.

Was für eine Rolle spielte diese Zusatzzahl?

Die Zusatzzahl spielt eine große Rolle, denn bei jedem der drei, vier oder fünf Richtige hat, erhöht die richtige Zusatzzahl den Gewinn beträchtlich. Das betraf also rund zwei Millionen Lottospieler.

Und dann ging die Verwirrung ja noch weiter.

Bei der “Tagesschau” herrschte nun ebenfalls Unklarheit über die richtige Zusatzzahl und so wurde entschieden, die Lottozahlen lieber gar nicht zu nennen, was es auch noch nie gab. Und zur Krönung wurden an diesem Abend im “heute journal” beim ZDF dann auch noch aus Versehen die Lottozahlen der Vorwoche vorgelesen. Das hatte Moderatorin Barbara Hahlweg zum Glück noch bemerkt und konnte es live in der Sendung korrigieren. Wenn sich so ein Fehlerteufel erstmal eingeschlichen hat, dann ist was los…

Die 18 wurde gelost, auf der Tafel stand später jedoch die 8. (Quelle: Das Erste / hr)

Haben Sie sich nach der Sendung Gedanken darüber gemacht?

Ja, natürlich fragt man sich immer, ob man es nicht doch hätte bemerken und vermeiden können. Die Geschichte ist ein sehr anschauliches Beispiel, wie aus einer eigentlich kleinen Sache, einem Computer, der mal ausfällt, einer Unaufmerksamkeit an einer sensiblen Stelle, ein Riesending werden kann. Und es ist nun mal das oberste Gebot, dass bei einer Ziehung nichts schiefgehen darf. Dafür wird ein großer Aufwand betrieben, mit Ziehungsleitung, Aufsichtsbeamten, Protokoll und allem. Die Zuschauer sollen sich nicht ärgern, höchstens, wenn es nicht die richtigen Zahlen sind.

Sie werden auch 15 Jahre später noch immer darauf angesprochen, obwohl die Panne gar nicht Ihr Fehler war.

Die Sache wäre eigentlich schon vergessen, wenn es nicht das Internet gäbe, und dort taucht es auch in schöner Regelmäßigkeit auf. Das Internet vergisst bekanntlich nie. Denn insgesamt gab es bei all den vielen Ziehungen bei uns im Ersten doch kaum große Pannen und darauf sind wir auch ein bisschen stolz. Es wurde immer mit großer Genauigkeit gearbeitet. Und auch wenn die Lottoziehung inzwischen im Internet zu sehen ist – natürlich wird auch dort mit großer Genauigkeit gearbeitet.

2013 wurde entschieden, die Lottoziehung nicht mehr im TV zu übertragen. Konnten Sie die Entscheidung damals nachvollziehen?

Ja – so sehr ich die Entscheidung auch bedauert habe. Doch das neue Konzept, das der Hessische Rundfunk entwickelt hatte, konnte alle Beteiligten überzeugen und im Nachhinein denke ich, dass das wirklich ein Paradebeispiel für einen gelungenen Kompromiss ist. Die Zuschauer erfahren auf einem verlässlichen und attraktiven Sendeplatz kurz vor 20 Uhr in kompakter Form alle Gewinnzahlen und können im Idealfall dann gut gelaunt den Abend einläuten. Die Alternative, die komplette Ziehung weiterhin spätabends im Ersten live zu zeigen, wie in den Jahren zuvor, fand niemand mehr richtig. So werden seit 2013 die Lottozahlen in einem Studio in Saarbrücken gezogen und anschließend mit allen weiteren Gewinnzahlen direkt zu uns ins TV-Studio nach Frankfurt übermittelt. Wer die komplette Lottoziehung ansehen möchte, kann das im Livestream im Internet.  

Sie sind seit 1998 die Lottofee. Ihre Vorgängerin hat das über 30 Jahre lang gemacht. In welchen Zeiträumen planen Sie?

Das Lustige ist, dass das schon eine Frage bei der ersten Pressekonferenz war, bei der ich als die “Neue” vorgestellt wurde. Ich saß neben “Rekordfee” Karin Tietze-Ludwig, wie sie jüngst betitelt wurde, und Journalisten fragten, ob ich das jetzt auch 30 Jahre lang machen möchte. Puh! Ich war selbst erst 30, kam gerade von der Uni und hatte keine Vorstellung davon, was es bedeutet, irgendetwas länger als vielleicht fünf Jahre zu machen. Und jetzt, 22 Jahre später, denke ich: Ups, echt schon so viele Jahre rum? Die Zeit rennt, es fühlt sich viel kürzer an, und nun erscheinen die 30 Jahre vage am Horizont. Aber auch wenn ich inzwischen in größeren Zeiträumen denke als damals – man weiß eh nie, was kommt, das erleben wir alle ja gerade ganz besonders deutlich. Die Sendung macht mir Freude wie am ersten Tag, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Das Lampenfieber ist besser geworden und mit der Erfahrung geht einem natürlich vieles leichter von der Hand.  

Vor Franziska Reichenbacher moderierte Karin Tietze-Ludwig die Lottoziehung. (Quelle: imago images / teutopress)

Haben Sie denn das Gefühl, dass Sie für Ihren Job als Lottofee manchmal belächelt werden?

Ich erlebe die ganze Spannweite: Es gibt Fans, die die Sendung und ihre “Fee” lieben und fast schon zum Kult erklären, und es gibt Zuschauer, die denken, das ist doch gar keine Arbeit, mal kurz im TV-Studio stehen und ein paar Zahlen sagen.

Wie gehen Sie mit solchen Bemerkungen um?

Am Anfang hat mich solch eine Geringschätzung durchaus getroffen und mit den Jahren habe ich gelernt, damit umzugehen. Man muss es einfach akzeptieren: Viele Menschen bilden sich vorschnell eine Meinung, ohne sich genauer auszukennen. Das trifft auf uns Moderatoren oder auch Schauspieler, die ihren Beruf scheinbar vor den Augen der Öffentlichkeit ausüben, in besonderem Maße zu. Inzwischen habe ich jedoch den Eindruck, dass Leute mehr einschätzen können, was das bedeutet. Möglicherweise liegt es daran, dass durch die ganzen Blogger, Influencer, YouTuber, diese Arbeit in und mit den Medien transparenter geworden ist. Kleine Anekdote am Rande: Selbst meine Mutter haderte am Anfang mit meinem Job, so nach dem Motto: “Liebe Tochter, und dafür haben wir dir jetzt das Studium finanziert?” Da ist natürlich auch was dran. Im Laufe der Zeit hat sie aber gesehen, dass es halt doch mehr ist, als nur kurz ins TV-Studio zu kommen und ein paar Zahlen zu sagen.

Bleibt dabei Zeit für andere Projekte?

Das schon. Auch, weil die Kinder inzwischen größer sind. Es gibt weitere Auftritte und Termine als Moderatorin, ich schreibe, bin gerade in einer journalistischen Recherche für eine Dokumentation, habe für das Theater gearbeitet, mache Lesungen, ich engagiere mich bei diversen Projekten und es gibt noch weitere Ideen.

Wussten Sie denn selbst, was auf Sie zukommt, als sie 1998 die Sendung von Karin Tietze-Ludwig übernommen hatten?

Ich arbeitete damals als Nachrichtenmoderatorin in Berlin und wusste wirklich nicht, was auf mich zukommt, ahnte nur, dass die Moderation dieser “Ziehung der Lottozahlen” eine eher spezielle Aufgabe sein würde. Dass ich zum Beispiel als Journalistin nicht mehr einfach so weiterarbeiten könnte, war mir überhaupt nicht klar. Die Herausforderung damals wie heute: Wie gestaltet man etwas, bei dem man fast keinen Gestaltungsspielraum hat? Wie gestaltet man etwas immer wieder aufs Neue, was – außer bei den Zahlen – gefühlt immer gleich ist? Das heißt, bei aller Routine, nie in Routine verfallen und den Traum der Zuschauer vom Glück – bei aller Leichtigkeit – immer ernst nehmen.

Apropos Glück: Sie sind ja wirklich für sehr, sehr viele Menschen der Inbegriff von Glück. Wie fühlt sich das an?

Schwer zu beschreiben. Glück ist etwas ganz individuelles und privates, in ganz unterschiedlichen Entwürfen. Das interessiert mich auch immer. Es ist das fortwährende Thema der Sendung und bei der Moderation bewegt man sich auf einem schmalen Grat: zwischen Vorher und Nachher, zwischen großer Hoffnung und kein Gewinn, ein bisschen wie an der Türschwelle zum Schicksal. Ein sensibler Bereich und deshalb sollte – um auf den Jahrestag der Panne von 2005 zurückzukommen – da auch nie etwas schiefgehen.  

Franziska Reichenbacher: Seit 1998 verkündet sie jeden Samstag die Zahlen der Lottoziehung. (Quelle: HR/Sebastian Reimold)

ARD-Programmdirektor Volker Herres sagte vor wenigen Wochen in einem Interview, dass es in der ARD kein “weibliches Pendant zu Kai Pflaume” geben würde. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?

Es ist immer das Gleiche, diese Frage: Ja, wo sind sie denn die Top-Frauen? Erstens: Augen auf – es gibt sie. Zweitens: fördern, fördern, fördern! Talente muss man aufbauen und auch längerfristig mit ihnen arbeiten. Wer nur eine Staffel hat, dann ex und hopp gehen muss, hat keine Chance. Kai Pflaume, den ich sehr schätze, ist auch nicht als Samstagabendmoderator geboren worden. Er hatte neben dem großen Talent nämlich auch das Glück, lange in diesem Beruf arbeiten zu können, um all das zu entwickeln, was ihn so erfolgreich macht.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem für weibliche Moderatoren: Wie in den meisten anderen Berufen auch, müssen Frauen, wenn sie erfolgreich sein wollen, auch hier besser als Männer sein, denn sie werden kritischer beurteilt, sowohl intern als auch vom Publikum. Das hat einfach mit dem Frausein zu tun. Da wird sich in Zukunft sicher noch viel ändern, weil der Blick auf Frauen sich im Moment rasend schnell verändert und natürlich eine neue Generation heranwächst, die mit ihrem Blick für Diversität und ihrem Medienverhalten sowieso alles durcheinanderwirbelt.

Jetzt haben Sie nun ausgerechnet durch Ihre Arbeit beim Fernsehen einen eigentlich merkwürdigen, ausgesprochen weiblichen Titel geerbt: “Lottofee”. Darf man “Lottofee” heute überhaupt noch sagen?

Es gibt inzwischen einfach ein größeres Bewusstsein für Sprache und Begriffe und für mögliche Diskriminierung: Darf man eine Frau noch “Fee” nennen? Dann auch noch “Lottofee”? Ist das nicht politisch total unkorrekt? Eine abwertende Verniedlichung für jemanden, der doch mit beiden Beinen fest im Leben steht? Diese neue Sensibilität für Sprache finde ich super. Aber man muss das mit der “Fee” auch nicht zu ernst nehmen. Es ist einfach eine spielerische Vorstellung davon, wie es wäre, wenn eine Glücksfee mal eben so zur Tür hereinkäme und ein paar Wünsche erfüllen würde. Das wäre so schön! Insofern – zurück zu Ihrer Frage: Ja, darf man noch sagen. Alles gut. 

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