"Dune": Schöner kann Einöde nicht inszeniert werden

"Dune": Schöner kann Einöde nicht inszeniert werden

Adaption von Denis Villeneuve

Die Wartezeit auf Denis Villeneuves (53) “Dune” mag sich aufgrund der Corona-Pandemie verlängert haben. Dass der Film aber erst jetzt – am 16. September 2021 statt im Dezember 2020 – in die Kinos kommt, gleicht für Fans der Romanvorlage wohl wie ein Wimpernschlag. Denn im Grunde wartet die Welt seit 1965 auf eine würdige Kino-Umsetzung der epochalen Heldenreise von Paul Atreides auf den Wüstenplaneten Arrakis. Diese Leidenszeit ist vorbei – zumindest zur Hälfte.

Die Menschheit befindet sich im 11. Jahrtausend und hat sich auf mehrere Planeten verstreut. Über Jahre hinweg beuteten die kriegerischen Harkonnen den kargen Wüstenplaneten Arrakis aus, um an das mächtige Spice zu gelangen. Die Droge vermag nicht nur den Geist zu erweitern und das Leben zu verlängern, sondern ist die Grundlage für intergalaktische Reisen. Kurzum: Wer das Spice kontrolliert, kontrolliert die Galaxie. Die Leidtragenden dieses Machtkampfs sind die Bewohner von Arrakis, genannt Fremen, die sich unermüdlich gegen ihre Unterdrücker auflehnen und den Spice-Abbau sabotieren.

Umso überraschender ziehen die Harkonnen urplötzlich von Arrakis ab. Stattdessen wird vom Imperator das Haus Atreides, angeführt von Herzog Leto (Oscar Isaac, 42), zur Herrscherfamilie über den Wüstenplaneten ernannt. Gewillt, das Vertrauen der Fremen zu gewinnen und im Einklang mit den Einheimischen zu leben, reist Leto nebst seiner Konkubine Lady Jessica (Rebecca Ferguson, 37) und des gemeinsamen Sohns Paul (Timothée Chalamet, 25) auf den Wüstenplaneten. Schnell wird ihnen jedoch klar, dass dort weder die Fremen, noch die lebensfeindliche Umgebung, ja nicht einmal die Hunderte Meter langen Sandwürmer die größte Gefahr darstellen.

“Ich werde vehement versuchen, nicht dagegen zu klagen”: Als im Jahr 1977 “Krieg der Sterne” die bis heute währende Blockbuster-Ära einläutete, staunte ein Mann nicht schlecht – allerdings in negativer Hinsicht. Autor Frank Herbert (1920-1986) hatte im Jahr 1976 gerade den letzten Band seiner “Dune”-Trilogie veröffentlicht, die über zehn Jahre zuvor mit “Der Wüstenplanet” ihren Anfang gefunden hatte. Ihm blieb selbstredend nicht verborgen, wie ungehobelt nahe George Lucas (77) mit “Star Wars” an sein geistiges Eigentum herangeschippert war. Seine Klage blieb dem Vernehmen nach jedoch aus. Wohl ebenso wie das Abendessen, das daraufhin Herbert im Scherz von Lucas eingefordert haben soll.

Die Liste an Parallelen ist zu lang, um sie ignorieren zu können. Ein junger Held, der “Auserwählte”, auf Tatooine beziehungsweise Arrakis gestrandet. Ein ebenso düsteres wie mächtiges Imperium nebst Imperator im Hintergrund, der die Fäden zieht. Eine mystische Fähigkeit, mal “The Force”, mal “The Voice” genannt, mit der Menschen beeinflusst werden. Und dazu noch gewisse Familienbande, die der Hauptfigur im Laufe seiner Reise erst noch bewusst werden müssen. Dass “Dune”-Anhänger das nicht als Zufall abtun, liegt auf der Hand.

Einer dieser glühenden Herbert-Fans ist im Übrigen Villeneuve, der als Teenager die “Dune”-Bücher regelrecht wie ein Sandwurm verschlungen habe. “Die meisten Ideen von ‘Star Wars’ kommen von ‘Dune'”, befand der Filmemacher im Januar 2018 in einem Interview. Mit dementsprechend klaren Absichten habe er sich daher an die Arbeit seiner Filmumsetzung gemacht: “Das Ziel ist es, den ‘Star Wars’-Film zu drehen, den ich nie gesehen habe. In gewisser Weise ist es ‘Star Wars’ für Erwachsene.” Jetzt, über dreieinhalb Jahre später, darf bestätigt werden: Es ist Villeneuve gelungen.

“Dune” ist nicht das hyperaktive, zuweilen arg effektheischende Action-Kino der vergangenen Jahre. Villeneuves andere Filme, speziell die Science-Fiction-Werke “Arrival” und “Blade Runner 2049”, bereiten einen gut darauf vor, was nun auch “Dune” bietet: existenzialistische und sozialkritische, beim Blick nach Afghanistan gar tagesaktuelle Fragen gestellt, in einer grandiosen Sci-Fi-Welt. Der Wüstenplanet, so lebensfeindlich wie faszinierend, kommt als sein eigener Hauptdarsteller daher.

Schöner als in “Dune” wurde die Einöde noch nicht inszeniert – oder über sie philosophiert. Seinen Teil trägt der herausragende Cast bei. Chalamet als das emphatische Sandkorn in einer Wüste voller Intrigen. Oscar Isaac und Rebecca Ferguson als dessen Eltern Leto Atreides und Lady Jessica, die “Hamlet”-Vibes auf die Leinwand zaubern. Letztere stiehlt mit ihrem Mienenspiel den zumeist männlichen Co-Stars ein ums andere Mal die Show. Arg blass bleibt derweil Zendayas (25) Figur. Aber, so viel sei verraten: Das dürfte sich noch ändern.

Das Buch “Dune” erzählt auf Tausenden Seiten von einer weltenumfassenden, altmodisch-feudalen Grundordnung, eingebettet in einem nicht minder komplexen Sci-Fi-Setting. Die größte Konsequenz für Villeneuves Umsetzung lässt sich daher bereits ablesen, bevor die Geschichte überhaupt gestartet ist: “Teil eins” heißt es da, kurz nachdem der Titel des Films auf der Leinwand thront. Zu epochal ist die Handlung des ersten “Dune”-Bandes, als dass man sie in nur einen Film packen könnte. Also wurde es im Gegensatz zu David Lynchs Adaption von 1984, die aus diversen Gründen ihre lieben Probleme mit der Vorlage hatte, gar nicht erst versucht. “Dune” wird dem Vernehmen nach aus zwei Filmen bestehen.

Die gewonnene Zeit nutzt Teil eins nun, um so elegant wie möglich die fremden Gesetzmäßigkeiten des “Dune”-Universums an den Kinogänger zu bringen. An den cineastischen Grundsatz “Zeigen, nicht erzählen” kann sich aber selbst Villeneuve, der Meister der Bildsprache, nicht immer halten. Dafür gibt es trotz der Laufzeit von knapp 150 Minuten sowohl zu viel zu zeigen als auch zu erzählen. Nötiges Hintergrundwissen, etwa geopolitische Zusammenhänge, wird als Lehrunterricht für den jungen Paul vermittelt – bei dem der Zuschauer kurz mitbüffeln darf. Der Vorteil: Auf eine “Erklärbär”-Laufschrift wie zu Beginn eines jeden “Star Wars”-Films wird dadurch verzichtet.

Optisch wie inszenatorisch ist “Dune” von Denis Villeneuve über jeden Zweifel erhaben. Wer den Regisseur für Filme wie “Arrival” und “Blade Runner 2049” schätzt, kann sich bedenkenlos um eine Kinokarte bemühen. Wer sich in den vergangenen Jahren hingegen an die Schlagzahl der neuen “Star Wars”-Trilogie oder des Marvel-Universums gewöhnt hat, für den könnte der Ausflug auf den Wüstenplaneten zu behäbig sein. Ein endgültiges Urteil wird aber so oder so erst möglich sein, wenn in noch unbestimmter Zeit auch die Fortsetzung ihren Weg ins Kino gefunden hat – eine bessere Grundlage auf dem unwegsamen Wüstenboden hätte Teil eins jedenfalls nicht schaffen können.

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