Frischer Wind für die Petticoats: Filmkritik "West Side Story" von Steven Spielberg

Musicalverfilmung mit Ohrwurmgarantie

Frischer Wind für die Petticoats: Filmkritik "West Side Story" von Steven Spielberg

Kinostart: 9. Dezember 2021

von Mireilla Zirpins

Steven Spielberg wagt ein Remake des 60 Jahre alten Film-Klassikers „West Side Story“. Um es kurz zu machen: Hätten wir das gebraucht? Nein! Wollen wir das sehen? Ja! Denn seine Musicalverfilmung überzeugt selbst Skeptiker und Puristen, die den 1961er-Film von Robert Wise feiern.

Aktueller denn je: Romeo und Julia in der Upper West Side

Es ist seit Jahren eine Mode, manche würden sogar sagen: Unart, Hollywood-Klassiker neu zu verfilmen. Klappt manchmal mäßig – siehe „Psycho“ – und manchmal richtig klasse wie bei „Dune“, der um Längen besser ist als der verunglückte David-Lynch-Film. Aber West Side Story, damals mit zehn Oscars prämiert? Das ist ja von vornherein eine enorme Bürde für einen Filmemacher, selbst für einen vom Format Steven Spielbergs!

Doch man muss sagen: Er traut sich was. Nicht formal, denn da ist sein Musical oft konventioneller inszeniert als das Original, das mit seiner Künstlichkeit kokett spielte. Es ist schon fast trotzig von Spielberg, das Ganze dennoch in den 1950ern spielen zu lassen, wo der Stoff förmlich danach schreit, die Geschichte in die Jetztzeit verlegen zu lassen. Schließlich ist die Romeo-und-Julia-Geschichte inmitten eines Bandenkriegs heute aktueller denn je.

West Side Story 2021 – der Trailer


Das Drama um die in beiden rivalisierenden Gangs unerwünschte Liebe von María und Tony spielt in der Schicht der Abgehängten, und die ist in den USA wie bei uns auf einmal wieder so groß wie in den Wirtschaftswunderjahren. Es geht um Verteilungskämpfe zwischen zwei Gesellschaftsgruppen, die beide so gut wie nichts haben, um Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Und darum, dass eins die armen Weißen und die armen Zugewanderten vor allem eins eint: Dass für Menschen wie sie der amerikanische Traum eine Illusion ist, egal, woher ihre Eltern kamen oder welche Hautfarbe sie haben.

Doch das merken die Protagonisten erst, als es zu spät ist. Bis dahin kämpfen die Sharks und die Jets darum, wer das Sagen hat in „ihrem“ Block der New Yorker Upper Westside. Mit dummen Sprüchen und mit Fäusten und dann, als sich die unschuldige María (süß: Newcomerin Rachel Zegler) und der nachdenkliche Tony (manchmal etwas glatt, aber charismatisch: Ansel Elgort) Hals über Kopf beim Tanz in der Turnhalle ineinander verlieben, auch mit Waffen. Denn Bernardo (David Alvarez), heißdüsiger Anführer der puertoricanischstämmigen Sharks, findet es gar nicht witzig, dass seine Schwester María sich mit einem der Jets einlässt, konkret mit dem polnischstämmigen Anton, genannt Tony.

West Side Story (Orig.Motion Picture Soundtrack)

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West Side Story (Orig.Motion Picture Soundtrack)

Rita Moreno ist in "West Side Story" 2021 wieder mit dabei – in einer anderen Rolle

Spielberg verzichtet auf „Big Names“ für die großen Rollen. Die junge Darstellerin seiner María macht das zum allerersten Mal, Ansel Elgort ist bislang auch eher nur Eingeweihten aus „Baby Driver“ oder „Der Distelfink“ ein Begriff. Sein größter Star ist Rita Moreno (wird am 11. Dezember stolze 90), die temperamentvolle Anita von 1961, der er hier eine Rolle auf den Leib schreiben ließ – statt Doc betreibt nun sie als dessen Witwe Valentina mit zurückhaltendem Omi-Charme den alten Drugstore.

Sämtliche Sharks sind nicht überschminkte Weiße wie damals, sondern mit Latinos besetzt, die untereinander Spanisch sprechen. Und die Jets unterscheiden sich 2021 in Haut- und Haarfarbe kaum von den Sharks – gut, dass wir sie dank der warmbraunen respektive kaltblauen Klamotten auseinanderhalten können. Mensch, geht doch!

Einzig die 1961 sehr progressive Figur Anybodys – das androgyne Mädchen, das mit den Jungs abhängen will, statt sich im Petticoat herauszuputzen – bleibt bei Spielberg farblos. Zum Thema Geschlechterdiversität fällt ihm leider nicht wirklich was ein.

"I like to be in America": Natürlich, kunterbunt und mitreißend: Die 2021er-Version von "West Side Story"

Vor allem setzt Spielberg mit größerer Natürlichkeit einen Gegenpol zur Version von 1961. Er kopiert fast nie, sondern variiert gekonnt und sucht eigene Schauplätze, was eine Wonne ist für New-York-Fans. Vor allem bringt er seine Gangs wirklich raus aus den kulissenhaften Settings. María und Tony säuseln „One Hand, one Heart“ nicht in der Garderobe, sondern in den verwunschenen „Cloisters“ in Nordmanhattan. „America“ schmettern Anita (Ariana deBose) und ihre Freunde aus Puerto Rico nicht auf einer Dachterrasse, sondern auf den Straßen Manhattans, die auf einmal nicht mehr menschenleer sind, sondern kunterbunt und voller Leben.

Das geht manchmal ein bisschen zu Lasten der Gesangs- und Tanzeinlagen, aber insgesamt sind die sehr ordentlich und deutlich modernisiert. Und im Unterschied zu damals singen hier die Protagonisten wirklich selbst. Wetten, dass Ihre Füße im Takt der Melodien von Leonard Bernstein und Steven Sondheim wippen und Sie danach einen Ohrwurm haben – selbst wenn Sie wider Willen mitgeschleppt wurden!

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