Kritik zum Wien-‘Tatort: Die Amme’: Komm, süßer Schlaf

Braucht der Wiener “Tatort” den Schmäh als Grundmotiv, die Sticheleien zwischen den Ermittlern als roten Faden, braucht er die Postkartenidylle der Stadt, die komödiantischen Einwürfe des Assistenten Fredo? All das sind die Zutaten, die lange Zeit einen erfolgreichen Österreich-Krimi ausmachten. Zuletzt aber wirkte diese Wiener Mischung arg abgedroschen, war wohl alles auserzählt an psychischen Nebenbefindlichkeiten, alles gezeigt an Charme und (Beziehungs-)Chaos. Mit dem “Tatort: Die Amme” beweisen Mike Majzen (Buch) und Christopher Schier (Regie), dass Wien auch anders funktionieren kann, besser. 

Tatort aus Wien: Der Zuschauer weiß es schon

Ein einfaches “Scheiße” reicht, als Chefermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer in seinem 50. Fall) den Tatort betritt. Eine Frau liegt tot am Boden einer Gemeindebauwohnung. Eisner und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) fahnden nach dem Mörder der Prostituierten. Vor allem aber suchen sie den nach der Tat verschwundenen Sohn des Opfers. Der Zuseher weiß da schon, dass sich das Kind in der Gewalt von Janko (Max Mayer) befindet, einem Mann in Frauenkleidern, der sich als liebevolle Mama ausgibt. Und der irgendwo in Wien noch ein zweites Kind festhält. Auch dessen Mutter war eine Prostituierte, auch sie wurde ermordet. 

Dass der Fall der Fellner im Wortsinn den Schlaf raubt, dass die Ermittlergedanken zwischen religiösem Wahn, Pädophilenring, Prostitution und Drogen (“Crack ist wieder im Kommen”) kreisen, dass den Machern ein Inszenierungskniff gelingt, indem sie den Psychopathen Janko in seiner ständig wechselnden Mann/Frau-Doppelrolle als angeblichen Undercover-Ermittlerkollegen an Eisners Seite agieren lassen, dass sich die Spannung zwar hält, das Ende mit dem SEK-Einsatz, dem Erschießen Jankos und der Befreiung der beiden Kinder indes nicht besonders überrascht – das alles fügt sich gut zusammen. Aber es sind vor allem die beklemmend-düsteren Bilder und die kontrastierende Akustik, die diesen “Tatort” zu einem besonderen machen.

Wien-Tatort: Homöpathische Dosen Schmäh

Die Tristesse des Sozialbaus mit seinem simplen Mobiliar, den vom Rauch vergilbten Gardinen, den 70er-Jahre-Tapeten. Der diesmal eben nur in homöopathischen Dosen eingesetzte Schmäh ist kein Selbstzweck. Ohne ihn ließen sich der Horror und die Abgründe ja kaum aushalten. Und auch nicht ohne das Meeresrauschen, das über einer Rotlichtszene liegt. 

Am Ende kann Bibi – wenn auch nicht ganz freiwillig – endlich das, was ihr davor nächtelang nicht gelungen ist: schlafen. Statt der üblichen Abspann-Melodie ist nur wohliges Atmen zu hören. Und der Zuseher hat das Gefühl, aus einem Alptraum zu erwachen. Sehenswert. Hörenswert.

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