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Ist es langweilig und einfallslos, wenn das Fernsehen alte Erfolgsformate neu belebt? Nein, ganz im Gegenteil: Gut gemacht sind sie der Hoffnungsschimmer, der dem linearen Medium Glanz verleiht. Ein Kommentar.

Erst „Wetten, dass..?“, dann „TV total“, jetzt „Geh aufs Ganze“: Als Fernsehzuschauer kann man in den jüngsten Wochen den Eindruck gewinnen, in der Zeit zurückgereist zu sein. In die Neunziger, um genau zu sein. Damals, als es noch Straßenfeger gab, die mit bis zu 70 Prozent Marktanteil fast die ganze Nation auf der Couch versammelten. 

Die Zeit der großen Samstagabendshows und Familiensendungen, des vielbeschworenen TV-Lagerfeuers, ist doch aber längst vorbei. Oder nicht? Mag sein, dass Einschaltquoten wie vor 25 Jahren heute illusorisch sind, aber zeigt uns nicht der Überraschungserfolg von Gottschalks Rückkehr als „Wetten, dass..?“-Moderator, dass alte Erfolgsrezepte auch heute noch gekocht werden dürfen? 

Die einmalige Comeback-Ausgabe am 6. November erreichte sagenhafte 14,46 Millionen Zuschauer. Fast jeder zweite Zuschauer an diesem Abend schaute zu, wie Helene Fischer nach ihrem Babybauch gefragt wurde, Michelle Hunziker schrille Geräusche von sich gab und klar, ein Bagger in die Nürnberger Messehalle gerollt wurde. 

Auch „TV total“ startete mit einer Topquote die Mission Nippelboard-Rückkehr auf ProSieben. 2,86 Millionen Menschen und das am Mittwochabend, dazu der einhellige Tenor, dass Sebastian Pufpaff ein legitimer Stefan-Raab-Erbe ist: All das lieferte Beweise für die Wirkmächtigkeit der altbekannten Showkonzepte. An diesem Freitag nun ist Jörg Draeger an der Reihe. Gemeinsam mit dem legendären Zonk heißt es um 20.15 Uhr auf Sat.1 wieder: „Geh aufs Ganze!“.

Jörg Draeger: Hier ist der Moderator im Jahr 1994 mit einer Kandidatin in „Geh aufs Ganze!“ zu sehen.(Quelle: imago/teutopress)

Das dritte große TV-Comeback innerhalb eines Monats. Ob es ebenso erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Aber schon jetzt schreiben sich die Kulturexperten und Feuilletonisten des Landes die Finger wund ob der Frage, was das über uns, über Deutschland und über den gegenwärtigen Zeitgeist aussagt. Sind wir ein gestriges Volk? Ein kulturloser Haufen im Retro-Fieber, der sich das Alte zurückwünscht und Angst vor Erneuerungen hat? Oder sind es nur die Fernsehmacher, denen nichts mehr einfällt – und die uns mit Nostalgie vor die Mattscheibe locken wollen?

Es ist immer das gleiche Argumentationsschema: In den Chefetagen deutscher TV-Sender sitzen mutlose Quoten-Fetischisten, die neuen Konzepten keine Chance lassen und lieber auf Altbewährtes setzen. Das sei unkreativ, einfallslos und ein Armutszeugnis für die TV-Landschaft in Deutschland, so der Tenor. Doch das ist Unsinn. Nur weil etwas alt ist, muss es erstens nicht schlecht sein und zweitens nicht ohne Innovation daherkommen. 

Alte Ideen mit neuer Würze: So funktioniert Fernsehen heute

Als „Wetten, dass..?“ zurückkehrte, schrieb ich in einem Kommentar, der mir den Unmut vieler Leserinnen und Leser entgegenbrachte: Die ZDF-Show hat bewiesen, dass sie funktionieren kann – aber Thomas Gottschalk müsse weg. Dazu stehe ich weiterhin. Ich bin der Meinung, dass das Unterhaltungsformat durchaus ein, zweimal im Jahr für Furore sorgen kann. Nur das onkelhafte, uninspirierte Möchtegern-Moderieren von Thommy braucht heute kein Mensch mehr. Erfolgsrezept erhalten, neu lackieren und mit punktuellen Veränderungen versehen: Das sollte der Anspruch der Fernsehunterhaltung sein. 

„TV total“ zeigt, wie es geht. Nicht alles, was Raab 16 Jahre lang gemacht hat, wurde übernommen. Aber eben das Wesentliche. Die Sendung erreicht alte Fans – und gewinnt mit einem erfrischenden Gesicht vor der Kamera neue Zielgruppen. „Gut geklaut ist besser als schlecht selbst gemacht“, weiß die Kreativbranche schon länger und nennt dieses Konzept „Inspiration“.

Frank Elstner, Thomas Gottschalk und Giovanni Zarrella: In der ZDF-Unterhaltungsshow „Wetten, dass..?“ kamen viele Moderatoren zusammen. (Quelle: imago images)

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Da ist etwas dran. Fernsehen ist nun mal eine Nostalgiemaschine und ein Apparat für Live-Momente. Wer etwas anderes will, hat bei Netflix, Amazon und Co. die bessere Auswahl. Mit Streamingprodukten braucht die alte Flimmerkiste nicht konkurrieren, sie muss sich auf ihre Stärken besinnen. Der gegenwärtige Retro-Trend im TV zeigt: Erfolgreiche Formate von früher haben auch heute noch Potenzial – man muss nur wissen, wie man es einsetzt. Und Comebacks gibt es nicht nur im Fernsehen. Fragen Sie mal die Schallplatte, die Schlaghose oder Menschen mit Polaroid-Kamera.

Das Fernsehen hierzulande braucht nicht weniger aufgewärmte Unterhaltungsklassiker, sondern mehr. Auch das kann schiefgehen und im TV-Nirvana versinken wie bei der RTL-Gruppe, die mit „Tutti Frutti“, „Ruck Zuck“ oder „Glücksrad“ kein gutes Händchen bewiesen hat. Aber manchmal ist es auch einfach eine Frage des Timings: Und wann, wenn nicht jetzt, können uns TV-Shows der guten alten Zeit miteinander versöhnen und das gute alte Lagerfeuer wieder entzünden? Gerade weil vielerorts von einer „Spaltung der Gesellschaft“ die Rede ist und eine Pandemie unser Leben auf links krempelt, brauchen wir mehr Verbindendes und weniger Fragmentierung durch serielles Nischen-Fernsehen.

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