"ZeroZeroZero" – die härteste Mafia-Serie der Welt

Das neue Epos des Mafia-Autoren Roberto Saviano folgt einer gigantischen Ladung Kokain um die halbe Welt. Sie schockt mit brutaler Gewalt und zeigt, wie die Weltmärkte um den Rohstoff Kokain rotieren.

Unschuldige sterben, damit die Party-Droge nach Europa kommt. 

Ein kalter Betonbunker, blaues Licht von riesigen Bildschirmen, auf denen Ziegen zu sehen sind, die die Kameras ablecken. Auf sie starrt ein alter, hagerer Mann. Dann steigt er eine Leiter empor und öffnet die Luke und von oben bricht das Licht des italienischen Südens hervor. So beginnt die Serie “ZeroZeroZero”. Seit Jahren hat sich Don “Minu” in diesem Bunker verkrochen. Nun kommt der Alte zurück ans Licht, weil er um die Macht kämpfen will. Unzählige Menschen werden dafür sterben.

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Zwei Serien eines Autoren

Das ist die zweite TV-Serie des italienischen Autoren Roberto Saviano. Sein Buch “GomorrhaGomorhha” aus dem Jahr 2006 hat ihm den ewigen Hass der Mafia beschert. Seitdem kann er nur an wechselnden Orten und unter Polizeischutz leben. Die fünfte Staffel der ersten Serie “Gomorrha” wird 2021 anlaufen. Im Dezember 2019 kam noch der Film “L’immortale” dazu. Und nun “ZeroZeroZero” – auch sie basiert auch einem Buch von Roberto Saviano. Der Name steht für Kokain von höchster Reinheit. Fast könnte man an Mafiacontent vom Fließband denken. Doch die Mutter aller Mafia-Serien “La Piovra” (“Allein gegen die Mafia”) kam auch auf 48 Episoden in zehn Staffeln und die einzelnen Episoden hatten eine Länge von 60 bis 100 Minuten. Der Stoff gibt es her, auch ohne ihn zu strecken.

Drogenhandel

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Das Lokale und das Globale

Überschneidungen gibt es kaum, auch keine optischen. Während “Gomorrha” kaum aus dem kleinen elenden Bezirk, den die Familie Savastano in Neapel kontrollierte, herauskam, wandert “ZeroZeroZero” ins ländlich idyllische Kalabrien – in die Welt der Ndrangheta. Die Männer der Savastanos protzen mit Goldketten und staffieren ihre Wohnungen in den heruntergekommenen Sozialbauten, in denen sie sich sicher fühlen, im Stil goldgeschmückter Bordelle aus. Im besten Fall sehen sie aus wie die Türsteher eine Nobeldiskothek. In der neuen Serie strahlen die Dörfer gleich dem Prospekt des Fremdenverkehrs, und die Männer von Don Damiano “Minu” La Piana stolzieren elegant herum, als kämen sie frisch vom Herrenausstatter.

Das Klein-Klein des Drogenhandels in Neapel weicht einer globalen Perspektive – dem Protzen der Lokal-Mafiosi folgt die weltweite Ökonomie. Pablo Escobar war “der Erste, der verstanden hat, dass nicht die Welt des Kokains um die Märkte kreisen muss, sondern die Märkte um das Kokain rotieren müssen”, schreibt Saviano.

Die Serie folgt dem Weg einer einzigen großen Ladung von Kokain um die halbe Welt. Mit dieser Lieferung will Don “Minu” seine Herrschaft sichern, doch es gibt Gegner außerhalb seines Clans und innerhalb seiner Familie. Der Alte, der von Hirten mit der altmodischen Lupara bewacht wird, scheint zuerst ein Relikt einer vergangenen Epoche zu sein. Doch er ist zäh und international vernetzt.

Drei Serien in einer

Transportiert wird mit dem Schiff. Reeder Edward Lynwood beweist, wie dünn die Trennung zwischen den anständigen, legalen Geschäften und der Schattenwirtschaft der Drogen ist, wenn sie überhaupt noch existiert. Neu taucht Mexiko in Savianos Mafiawelt auf. Hier sieht man den Kampf der Paramilitärs gegen die Männer der Syndikate – das Gesetz spielt in diesem Krieg keine Rolle mehr. Die Serien zeigt, wie es geschehen konnte, dass Teile von Mexiko der Kontrolle des Staates komplett entglitten sind. Frustrierte und unterbezahlte Berufssoldaten wechseln die Seiten und bilden mit gnadenloser Härte die Privatarmeen der Drogenbarone aus und übernehmen ganze Städte mit ihren Truppen.

Mit dem Mafia-Kitsch der Hollywoodfilme eines Martin Scorsese hat das nichts zu tun. Es gibt keine Liebesgeschichten wie aus der italienischen Oper und keine betörenden Klagegesänge, die den Zuschauer für das gefährliche Leben der “ehrenwerten Gesellschaft” einnehmen. Das bedeutet aber auch: Für zartbesaitete Zuschauer ist das keine Serie. In Sachen Brutalität lässt “ZeroZeroZero” auch die gewiss nicht zimperlichen Folgen von “Gomorrha” weit hinter sich, und landet in etwa bei dem Level der beiden “Sicario”-Filme mit Benicio Del Toro. Nur ein Beispiel. Damit das Blut nicht als Sünde an den Händen klebt, ist es in der Welt der Ndrangheta eine gute Idee, das Opfer lebendig von ausgehungerten Schweinen auffressen zu lassen.

Verschnitt gehobener Qualität

“ZeroZeroZero” packt drei Serien in eine einzige. Zuerst kommt die italienische Mafia-Saga aus der felsigen Welt der Ndrangheta. Dazu kommt ein Narco-Thriller mit Explosionen, Folter und Maschinengewehren. Und als Drittes die Familiengeschichte der Reeder. Das bringt eine Menge Abwechslung, doch mit der globalen Perspektive und der Zunahme des Personals erreicht “ZeroZeroZero” nicht mehr die Dichte der Milieu- und Charakterstudien von “Gomorrha”. Diese Serie punktete mit Einzelheiten, die nur jemand kennt, der sie erlebt hat, und die man nicht am Schreibtisch erfinden kann.

“Gomorrha” fiel deutlich ab, sobald sich die Handlung aus dem Schatten des Vesuvs wegbewegte. Schon die Versuche des Nachwuchs-Nachwuchs-Paten, Genny Savastano in Oberitalien im korrupten Baugeschäft Fuß zu fassen, ließen diese Dichte der Beschreibung vermissen. Und das passiert auch bei “ZeroZeroZero”. Die “New York Times” urteilte zutreffend, gemessen an “Gomorrha” ist “ZeroZeroZero” eben nicht der reine Stoff, aber doch ein Verschnitt gehobener Qualität. Was bleibt, ist eine spannende Mafiaserie mit politischem Anspruch, die sich in Sachen Action vor keinem Hollywood-Blockbuster verstecken muss.

“ZeroZeroZero” gibt im Stream bei Sky und als Video-on-demand. “Gomorrha” wird auch im Free-TV gezeigt. Derzeit auf SRF2.

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